“Willkommen auf Deutsch”: subtile Doku über Geflüchtete in Harburg

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Der Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“ geht unter die Haut. Es geht um Geflüchtete und die Einwohner*innen des idyllischen Landkreises Harburg in Niedersachen: Was passiert, wenn fremde Kulturen aufeinandertreffen? Über ein halbes Jahr lang begleiteten Carsten Rau und Hauke Wendler Anwohner*innen, Geflüchtete und die zuständige Kreisverwaltung. Klug und sensibel schildern sie deren Situationen.

Als im Jahr 2013 etwa 127.000 Flüchtlinge in der Bundesrepublik Asyl beantragten, wurden regelmäßig auch Bewerber an den Kreis Harburg verteilt. Dieser sollte die Betroffenen auf seine Gemeinden verteilen. Zwei der Gemeinden sind Tespe und Appel, die beide weit weniger als 5.000 Einwohner haben.

Die Einwohner Appels wehren sich gegen die Unterbringung von 53 männlichen Asylbewerbern in ihrem alten Altenheim. Schnell wird klar, dass die Gemeinde mit einbezogen werden muss – ansonsten gibt es Probleme. Die Gemeinde Appel spricht sich nicht prinzipiell gegen die Aufnahme von Geflüchteten aus, vielmehr sind die Bewohner überfordert und besorgt über die Anzahl der Bewerber. Sie bieten dem Landkreis ein Alternativangebot an – ein paar Flüchtlinge sollen untergebracht werden, aber bitte nicht so viele. Die Menschen in Appel sind keineswegs “böse” oder voll Fremdenhass, sie sind unsicher und haben ein wenig Angst. So viele “fremde” Männer, das erscheint den meisten als unzumutbar. Besorgte Mütter sprechen von schwarzen Männern die ihren Töchtern unangenehm werde könnten, der Kopf des Gemeinderates ist um die Dorfidylle besorgt.

Seniorin hilft der Familie

Die meisten Argumente scheinen abstrus und hinterwäldlerisch – doch sind bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, wenn man die Größe und Abgeschiedenheit des Dorfes beachtet.

In Tespe hingegen ist eine siebenköpfige Familie aus Tschetschenien untergebracht worden. Das Publikum wird zunächst mit Larissa, der ältesten Tochter der Familie, bekannt gemacht. Sie ist das Oberhaupt der Familie geworden, seitdem ihre Mutter im Krankenhaus ist. Während sie Deutsch lernt und sich mit den Behörden auseinandersetzen muss, ist sie zudem noch die Mutter für ihre fünf jüngeren Brüder und kümmert sich um den Haushalt.

Unvoreingenommen und sehr sensibel

Ein Spagat, den die 21-Jährige meistert, der jedoch deutliche Spuren hinterlässt. Hier stellt sich auch Ingeborg vor, eine Seniorin, die es sich nicht nehmen lassen wollte, der Familie zu helfen. Sie unterstützt Larissa und ihre Familie und lernt im Zuge dessen alle Komplikationen und Irren des Europäischen Asylverfahrens kennen. Larissas Familie kann jederzeit abgeschoben werden, die Situation ist ungewiss.

Den Produzenten Carsten Rau und Hauke Wendler gelingt es in diesem Film, unvoreingenommen die verschiedensten Positionen und Stimmen festzuhalten. Die unkommentierten Interviews und begleitenden Kameras geben Einblicke in den Alltag der Protagonisten, und lassen sie von ihren Lebensgeschichten erzählen. Der Film verurteilt nicht, er lässt die Zuschauer*innen sich ihr Urteil bilden.

„Willkommen auf Deutsch“ gibt Hoffnung. Mit dem Beispiel von Ingeborg zeigt er, dass es doch immer wieder einzelne Menschen gibt, die etwas verändern möchten – auch in Gegenden, wo man es nicht vermuten mag. Ganz besonders zeigt er, dass diese einzelnen Menschen tatsächlich etwas bewegen können. Er zeigt, dass es vor allem scheinbare Kleinigkeiten sind, mit denen jeder helfen kann. Er schafft es, Vorurteile auf beiden Seiten zu entkräften, seien es die um eine prinzipielle Ablehnung von Flüchtlingen in deutschen Dörfern, oder der mangelnde Wille von Geflüchteten sich in Deutschland zu integrieren.

Wütend auf europäische Asylpolitik

Gerade die subtile Art von “Willkommen auf Deutsch” macht den Film besonders wirksam. Er fällt nicht mit der Tür ins Haus, sondern schleicht sich an. Danach weiß man nicht ganz, wie es passiert ist, aber man ist ergriffen von jedem Schicksal, das einem in den vorangegangenen 89 Minuten gezeigt worden ist. Irgendwie ist man wütend auf die Europäische Asylpolitik, aber gleichzeitig auch bewegt davon, wie Sachen doch funktionieren können und Menschen zueinander finden, einander helfen und aneinander wachsen können.

Der Film zeigt, dass sich auch “Fremde” gar nicht so fremd sein müssen. Dass man auch in den verschiedensten Kulturen auf gleiche Nenner, ähnliche Ansichten oder neue Ideen kommt. Dass der Fokus bei unserem Austausch nicht nur darauf liegen sollte, wie sich Asylbewerber uns anpassen können, sondern auch darauf, was wir voneinander lernen können, und dass auch die verzwickteste Situation eine Bereicherung sein kann.

Zu sehen ist „Willkommen auf Deutsch“ noch bis Ende Juli in verschiedenen deutschen Kinos.

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