Urbanes Zusammenleben: Gemeinschaft statt Einzelkämpfertum

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Dortmund ist betongrau? Nicht überall. Und besonders nicht da, wo die Urbanisten am Werk sind.

Bei einem Spaziergang durch das Unionviertel im Dortmunder Westen fallen sie schnell ins Auge: buntgestaltete Stromverteiler, Streetart, angemalte Straßenlaternen und überall kleine Sticker in den klassischen Dortmunder Farben: ein schwarzes U auf gelbem Grund. An der Rheinischen Straße Nr. 137 prangt ebendieses Logo schließlich in groß über einem Schaufenster: „die Urbanisten. lokal. kreativ. lebendig.“ steht daneben. Die Mitglieder des Vereins engagieren sich insbesondere in vier Handlungsfeldern: Stadtentwicklung, Kunst&Kultur, Kreative Bildung, Social Media und Wissenschaft & Forschung. Ihnen geht es um die Aktivierung von Lebensräumen, die Stärkung lokaler Kunst- und Kulturformen, gesellschaftliche Teilhabe, Vernetzung und Fortschritte im urbanen Zusammenleben. Dazu vernetzen sie die verantwortlichen Akteure und führen vielfältige Projekte zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt durch. Egal, ob beim städtischen Gärtnern im selbstgebauten Gewächshaus oder beim Stadtrundgang mit Senioren, die Urbanisten zeigen ihren Mitbürger*innen Wege zu einem besseren urbanen Gemeinschaftsleben.

Eine durchmischte Gruppe für eine durchmischte Stadt

Der Verein „Urbanisten e.V.“ wurde 2010 in einer WG-Küche gegründet und ist seit 2012 in der Rheinischen Straße beheimatet. Die Mitglieder sind  heute eine bunt gemischte Gruppe aus Stadtplaner*innen, Pädagog*innen, Künstler*innen, Umweltbildner*innen, Gärtner*innen, Ingenieur*innen, Soziolog*innen, Designer*innen, Fotograf*innen, Journalist*innen und Informatiker*innen, die ihre Profession interdisziplinär ausleben wollen. „Den Wunsch nach urbanem Zusammenleben, den teilen wir alle im Verein.“, erklärt Jan, eines der Vereinsmitglieder der ersten Stunde. Aktionen und Netzwerkarbeit der Urbanisten zielen auf die Förderung und Verbesserung bürgerschaftlichen Engagements, gesellschaftlicher Teilhabe und kultureller Bildungsarbeit – für ein inspirierendes und zukunftsfähiges Lebensumfeld. Ihre Vision ist „eine Stadt, durchmischt in jeder Hinsicht, keine monofunktionalen Ghettos”. Denn es ist schön, wenn Menschen den öffentlichen Raum mitgestalten und lebendig machen. Wenn es urban zugeht, muss niemand alleine in einem kleinen Einfamilienhaus am Stadtrand Geld für eine Photovoltaikanlage zusammensparen, meint Jan. “Dieser Konsumismus, der in der Gesellschaft vorherrscht, sollte verlagert werden von der individuellen zur gemeinschaftlichen Ebene, damit wir mehr Gemeinschaft in der Stadt schaffen.“

Ressentiments ab- und Empathie aufbauen – eine gute Strategie zur Überwindung von Konflikten

Die Grundidee der Urbanisten ist es, Vorurteilen entgegenzuwirken und unterschiedlichste Menschen zusammenzubringen. So treffen sich Punks und Geschäftmenschen beim Urban Gardening, wenn in städtischen Hinterhöfen Gewächshäuser aufgebaut werden oder direkt vor dem Dortmunder U (Zentrum für Kunst und Kreativität) um eine Sommeroase zu bepflanzen. “Wir versuchen, die Leute nicht nur zu beschallen, sondern abzuholen und mitzunehmen.”, erläutert Jan. So werden auch komplexe ökologische Zusammenhänge wie beispielsweise der Klimawandel ganz einfach und praktisch im Gewächshaus erklärt. „Das fasziniert dann Kinder genauso wie Ältere und macht Spaß“, meint Jan, der selbst aktiv an einem Aquaponik-Projekt beteiligt ist.

Ressentiments ab- und Empathie aufbauen – der Schlüssel für gemeinsame Stadtplanung

Für eine funktionierende Stadtplanung ist es wichtig, sich kennenzulernen und Empathie füreinander zu entwickeln. Diese Strategie der Urbanisten hat sich inzwischen bewährt.  Danach lässt sich besser verhandeln und über kontroversen Themen austauschen, meint Jan. Stadtentwicklung kann sehr hart politisch sein. Es gibt viel Konfliktpotential und unterschiedlichste Vorstellungen zur Umsetzung und teilweise geht es um viel Geld. “Aber wenn wir nicht den Konflikt betonen, sondern die Gemeinsamkeiten, dann ist das eine Basis auf der sich ein Lösungsansatz finden lässt”. Starre, politische Diskussionsrunden können aufgeweicht werden, indem der Kontakt gesucht wird. Dabei hilft es, wenn die Diskussionsteilnehmer*innen sich kennen und verstehen, dass “du nicht nur die alte Frau bist, die ihre Ruhe haben will und du nicht nur derjenige der nachts vor dem Café steht und rumschreit.” Gemeinschaft  schaffen, die Quintessenz für urbanes Zusammenleben – der Kern aller Projekte der Urbanisten.

Mehr zum Thema:

Dieser Artikel erschien im August 2015 in der Print-Ausgabe von mitten.drin.


Foto: Urbanisten


 

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