Sand im Getriebe der Fleischindustrie

No Comment

Tierrechtsaktivist*innen kämpfen für die Befreiung von Mensch und Tier. Mario Burbach findet das wichtig und plädiert für Mut zum Aktivismus.

von Mario Burbach

Es macht „Klick!“ und die Arme sind durch Handschellen fest mit einer blauen Tonne verbunden, die mit Beton gefüllt ist. In weißer Schrift prangt auf dem Fass vor der Einfahrt zum Hof: „Schlachtpläne durchkreuzen“. Als zwei Aktivistinnen die Toreinfahrt weiter versperren ist es gerade einmal neun Uhr morgens, der erste leere LKW versucht bereits auf das Gelände zu rollen, um dort Geflügel einzuladen. Die Blockade wurde mit Absicht um 9:00 Uhr gestartet, da um diese Zeit keine lebenden Tiere mehr angeliefert werden, sondern nur das abgepackte Fleisch abtransportiert wird.

„Geschlossen wegen Tierquälerei“ steht auf einem gelb leuchtenden Banner vor der Einfahrt. Tag und Nacht werden hier 190 Tonnen Fleisch produziert, mindestens 85.000 Hühner, Puten und Gänse müssen hier am Tag ihr Leben lassen. Deshalb sind die Aktivist*innen von „Tierfabriken Widerstand“ hier. Deshalb nehmen sie die möglichen Kosten wie Anzeigen und Geldstrafen in Kauf. Deshalb harren sie hier bei kalten Temperaturen aus.

Lohnduming, Tierquälerei, Umweltverschmutzung

Vor der riesigen „Wiesenhof“-Schlachtanlage in Niederlehme bei Berlin versammeln sich am 20. März rund 30 Aktivist*innen. Sie wollen den Schlachtbetrieb der Anlage stören. Zumindest für einen Tag. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen die geplante Erweiterung: Auf eine Tageskapazität von 352 Tonnen Fleisch soll die Anlage vergrößert werden. Die Gruppe ist damit nicht alleine, im Juni forderte Bündnis 90/Die Grünen eine Teilstilllegung des Betriebs. Aber sie prangern auch die Ausbeutung von Menschen und Tieren in der Fleischproduktion an, die nicht nur der Geflügelriese alleine in Brandenburg betreibt. In der Fleischindustrie allgemein sind Lohndumping, Tierquälerei und verheerende Umweltverschmutzung gang und gäbe. Laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen werden rund 18 Prozent der klimarelevanten Treibhausgase durch die Tierindustrie erzeugt – der gesamte Verkehr ist dagegen für 13 Prozent verantwortlich.

Das Bündnis für Aktionen und Vernetzung „Tierfabriken Widerstand“ sorgt mit dieser Aktion nicht zum ersten Mal für Aufsehen: Dem tierfabriknahen Anwalt Helmar Hentschke schlagen die Aktivist*innen bei seinen öffentlichen Auftritten einen Berufswechsel vor. Aber sie unterstützen auch andere Bürger*innen-Initiativen gegen Mast- und Schlachtanlagen mit offenen Informationsveranstaltungen für interessierte Anwohner*innen in ganz Deutschland.

Doch warum opfern Menschen ihre Zeit und Kraft, um vor Ort aktiv zu werden? Es gibt ja schließlich keine Fleißsternchen dafür, wenn sich jemand an die Zufahrt eines Schlachthofs kettet.

Gründe für den Aktivismus

Wenn mir etwas nicht passt, versuche ich etwas an der Situation zu ändern. Wenn ich mich von Mitmenschen ungerecht behandelt fühle, spreche ich das an – oder zumindest sollte ich das tun. Doch manchmal gibt es auch Situationen, die wir selbst nicht in der Hand haben: Der Klimawandel lässt sich nicht von heute auf morgen durch eine Petition aufhalten. Heißt das, wir können gar nichts tun? Im Gegenteil: Aktivismus bedeutet immer sich gegen aktuelle Zustände aufzulehnen, die Menschen und andere beeinträchtigen. Und wenn mir die Tierausbeutung stinkt, weil sie einer der größten Verursacher des Klimawandels ist4, verschaffe ich mir Gehör, indem ich an Demos und Protesten teilnehme oder auch hohle „BILD“-Artikel zum Thema gekonnt kommentiere. Vielleicht kann ich damit ja auch andere inspirieren, etwas zu ändern oder sich auch in irgendeiner Weise aufzulehnen.

Wie Aktivismus für Tierrechte aussieht

Ziviler Ungehorsam fängt manchmal auch schon in ganz kleinen Bereichen an. Denn in einem System, das Fleischkonsum toleriert oder sogar fördert, ist es fast ein Schlag ins Gesicht jede*r Allesesser*in, wenn ich auf das „Chili Con Carne“ bei der Geburtstags-Party verzichte. Spaß macht es mir natürlich nicht, wenn mir dann Reaktionen à la „Pflanzen haben auch Gefühle“ oder „Du isst meinem Essen das Essen weg“ wie Querschläger um die Ohren fliegen. Aber ich sehe es eben als einen Teil meiner Identität an, vegan zu leben. Und: Nein, ich binde es niemandem auf die Nase, der es nicht sowieso hören wollte.

Trotzdem ist es aber mindestens genauso wichtig, seinem Unmut Gehör zu verschaffen. Wenn mir vor einiger Zeit eine Aktivistin einer Tierrechtsgruppe nicht erzählt hätte, dass in der Eierproduktion die männlichen Küken wie Abfall behandelt werden, wüsste ich vielleicht heute noch nicht, dass diese Tiere einfach aus Profitgier getötet werden. Und vor allem weiß ich jetzt, wie unnötig das ist, wenn es Alternativen gibt. Ähnlich sieht das die Gruppe von „Tierfabriken Widerstand“. Denn eines ihrer Hauptanliegen ist es Bürger*innen zu informieren, wenn vor Ort Schlacht- oder Tierfabriken gebaut oder erweitert werden sollen.

„Wir schauen uns an, welche Maßnahmen möglich sind und geben den Ortsansässigen Tipps, wie sie zum Beispiel Einspruch im ‚Planfeststellungsverfahren‘ erheben können“, erklärt Heiner (Name zum Schutz geändert) das Vorgehen des Bündnisses. Für den Aktivisten sind die Aktionen von „Tierfabriken Widerstand“ nur ein kleiner Teil seines Aktivismus. Er weiß, dass sich nichts von selbst ändert, wenn nicht Menschen für eine bessere Gesellschaft kämpfen.

Wie jede*r selbst aktiv werden kann

Jeder Mensch kann selbst Kleines tun, das große Auswirkungen hat: tierische Produkte vom Ernährungsplan streichen! Damit sparen wir eine Menge CO2 ein und – was für mich mindestens genauso wichtig ist: Wir sind nicht mitschuldig am Tod von empfindungsfähigen Lebewesen. Noch viel schöner ist es, wenn wir gemeinsam mit anderen Mitstreiter*innen auf die Straße gehen und für die Sache kämpfen können. Dabei motiviert mich Mahatma Gandhi, wenn er sagt: „Du kannst nie vorher wissen welches Ergebnis Deine Aktionen bringen, aber wenn Du nichts tust, gibt es auch kein Ergebnis.“

 

> tierfabriken-widerstand.org

Mario Burbach macht Designs und erzählt Geschichten. Er mag alle Tiere – auch Menschen.


Foto: Tierfabriken Widerstand

Previous post
Filmkritik: Singender Umweltaktivist in Kolumbien
Next post
Morgens Input, nachmittags Visionen: Wandelwerkstatt in Köln

No Comment

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*

sechzehn + eins =

Back
SHARE

Sand im Getriebe der Fleischindustrie