Facebook-Nominierungen: Eiskübel und Kaffebecher als Mittel gegen Ungerechtigkeit?

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Neben der “Ice Bucket Challenge” gibt es jetzt eine weitere Nominierungskette, die einem guten Zweck dienen soll: “Starbucket Challenge” heißt der neuste Trend auf Facebook. Dabei kippen sich Starbucks-Kunden noch im Geschäft frischen Kaffee über den Kopf. Die Comedians der ZDF-Sendung “Die Anstalt” wollen auf die fragwürdigen Geschäftspraktiken von Starbucks in Deutschland aufmerksam machen:  Die Kaffeehauskette manövriert ihr Geld an den Niederländischen Mutterkonzern – ohne hier zu Lande Unternehmenssteuer zu zahlen. Wie auch bei der Ice Bucket Challenge wollen die Initiatoren auf ein gesellschaftlich relevantes Thema aufmerksam machen. Aber sind “Bucket Challenges” und Facebook wirklich das richtige Mittel?

Die erste zentrale Frage, die ich mir stelle, lautet: Worum geht es eigentlich bei den Nominierungen? Der Anstoß zur Starbucket Challenge kam von den Kabarettisten der “Anstalt”. Sie legen den Zuschauern nahe, aktiv zu werden gegen die Umgehung von Steuerabgaben durch Starbucks, indem sie sich einen “Starbucks”-Kaffee über den Kopf schütten. Aber ich zweifle hier an der Ernsthaftigkeit des Aufrufs. Er findet im Rahmen einer Kabarett-Show statt.

Hier geht es um ernste Themen. Aber Botschaften sind meist versteckt. Was gesagt wird, gibt Denkanstöße, ist aber meist von Stilmitteln geprägt. Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht nur übertrieben wird, sondern dass es sich bei dem Aufruf um eine Parodie der Ice Bucket Challenge handelt. Was wiederum nahelegt, dass die Idee der Nominierungsketten von den Aufrufenden im Grunde kritisch gesehen wird. Unwahrscheinlich, dass sie für ihre Zwecke genau das Medium wählen sollten, das sie unterschwellig kritisieren.

Der eigene Zweck steht im Vordergrund

Und was ist mit der Intention der Facebook-Nutzer, die sich bereitwillig selbst mit Kaffee oder Eiswasser übergießen? Geht es diesen wirklich um die “gute Sache”? Spielt nicht etwas Anderes eine viel größere Rolle?

Ich fühle mich bei jeder Art von Nominierung an Studierende erinnert, die vor der Kamera eine Flasche Bier auf Ex trinken und weitere Teilnehmende dazu auffordern, es ihnen gleich zu tun. Es geht definitiv um Alkohol. Das wird auch durch den Kasten Bier deutlich, der dem Nominierten geschuldet wird, sollte sich jemand weigern, teilzunehmen. Es geht um Alkohol – es geht um die Demonstration von Mut und Humor – um Profilierung. Und sicherlich auch um den Spaß, den die Darstellenden an der Sache haben.

Bei Nominierungen verfolgen wir meistens einen eigenen Zweck. Das ist ja auch nichts Schlimmes. Facebook ist ein ein Dienstleister. Es ist ein soziales Netzwerk. Und dabei geht es vor allem um Selbstdarstellung, Sehen und Gesehenwerden.


Ein aufwändig inszenierter “Starbucket”-Beitrag: Geht es hier noch um die Sache?

Aber bei den Bucket Challenges – sollte es da nicht um einen gemeinnützigen Zweck gehen? Ich finde das Verbreiten von Videos denkbar ungeeignet dafür. Ich habe den Eindruck, auch hier präsentieren Einzelne sich selbst, nicht das gesellschaftliche Problem. Teilweise fällt es bei den Video-Botschaften sogar ganz unter den Tisch.

Die Videos haben keine große Wirkung

Die Nominierungen haben eine Stärke: Sie erregen Aufmerksamkeit. Und das bei vielen Nutzern. Das führt dazu, dass viele über das Problem Bescheid wissen. Aber ändert es tatsächlich etwas an der Einstellung der Postenden? Würde ein Starbucks-Fan sich tatsächlich einen Kaffee über den Kopf schütten? Und wenn ja, dann werden die Betreffenden wahrscheinlich früher oder später doch wieder ihren Kaffee dort bestellen. Und um die Starbucks-Kunden geht es doch. Denn nur wenn die Nachfrage nachlässt, ist ein Zeichen gesetzt. Ob sich auf Facebook Verrückte den Kaffee, den sie für die Aktion ja bereits gekauft haben, über den Kopf oder in den Mund schütten, ist dem Unternehmen wahrscheinlich vollkommen egal.

Das gleiche gilt für die Ice Bucket Challenge: Ob und wieviel gespendet wird, ist ebenfalls jedem selbst überlassen. Auf Facebook interessiert das doch eigentlich niemanden. Und werden die Spendenden für Krankheit und Wohltätigkeit in der Gesellschaft allgemein sensibilisiert? Wohl eher nicht.

Kurz: Wahrscheinlich ändert sich nicht viel.

Es geht auch anders

Ich habe nichts gegen die Idee, mithilfe von Videobotschaften auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Aber ich glaube, es gibt bessere Wege: Petitionen. Auch sie zirkulieren in den Kreisen der sozialen Netzwerke. Welche Umwetlschutzorganisation, welche politische Organisation hat nicht inzwischen ihre eigene Seite auf Facebook? Und hier wird oft dazu aufgerufen, ein Anliegen direkt und mit dem eigenen Namen zu unterstützen.

Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht, wie ich auf eine Nominierung zur Ice Bucket Challenge oder der Starbucket Challenge reagiert hätte, bevor ich den Artikel schrieb. Wahrscheinlich hätte ich sogar mitgemacht. Um keine Spielverderberin zu sein. Und weil ich die Idee lustig finde.

Doch es ist eine Sache, etwas aus Spaß mitzumachen und eine andere, sich aus Überzeugung für etwas zu engagieren. Und das ist weder bei Ice Bucket noch Starbucket Challenge wirklich der Fall.

 

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Titelfoto: Pixel-Kings (PP) / pixelio.de


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  1. 12. November 2014 at 13:43 — Antworten

    Formell ein schöner Artikel. Liest sich flüssig und daher auch gerne.

    Auch inhaltlich stimme ich über weite Strecken hinweg zu. Zwei Prämissen möchte ich jedoch herausgreifen und hinterfragen:

    Handlungen wie die Bucket-Challenges können wir in zwei unterschiedliche Sequenzen unterteilen: Intention und Auswirkung.

    Intention: Du hast Recht, Absicht bei solchen Aktionen ist zu forderst meist die Selbstinitiierung. Wem es wirklich um das Spenden gelegen ist, der kann dies auch machen ohne sich dabei der Öffentlichkeit zu präsentieren. „Der eigene Zweck steht im Vordergrund.“ D´accord.

    Auswirkung: „Die Videos haben keine große Wirkung.“ Hier will ich dir vehement widersprechen. Infolge der Ice-Bucket-Challenge hatten die nationalen Alsa-Organisationen Spendeneinnahmen in zweistelliger Millionenhöhe. Allein Charlie Sheen spendete 10.000 $ und ich bin mir sicher, dass man auch mit der Starbucket (Kabarett, öffentliches Leben) Leute erreicht, die man über Petitionsaufrufe nie erreichen wird. Ja, ich denke ja auch nicht, dass Charlie Sheen plötzlich ein Herz für seine Nächsten entdeckt hat. Aber wenn man dem gemeinen Menschen eine Plattform bieten muss, auf der er sein Ego auftanken kann, damit er Gutes tut, nun – dann sei es so. Dem an ALS erkranktem Kind interessiert es wenig, ob die Spenden nun von einem Altruist kommen oder nicht.

    Fazit 1: Die Motive bei den ganzen Challenges mögen nicht hehr sein, aber sie entfalten eine große Wirkung und sind deshalb mehr als begrüßenswert.

    Prämisse zwei lese ich aus dem letzten Abschnitt heraus: Petitionen sind ein besserer Weg auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen, als Videobotschaften. Nun ja, auf manche Fälle mag dies zutreffen: Mit einer Bucket-Challenge bekommt man keine Parlamentarier dazu, ein Thema wie die Wasserprivatisierung noch einmal zu überdenken, mit Petitionen schon. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Vor der Ice- haben viele, mich eingeschlossen, nichts von ALS und vor der Starbucket-Challenge viele nichts von den Praktiken des Einzelhandelunternehmen Starbucks gehört. Doch mit solchen Videos können Botschaften in einer Dimension viral gehen, was keine mir bekannte Petition geschafft hat. Der Weltverbesserer sollte sich nicht in seinem Elfenbeinturm isolieren und meinen nur der formal-seriöse Weg etwas zu ändern sei der einzig richtige. Wenn es nicht anders geht, als dass sich Menschen Eis oder Kaffee über den Kopf gießen und ein wenig ihr Ego pushen können, dann sei es drum. Der Zweck heiligt hier für mich die Mittel bzw. der teleologische Aspekt den deontologischen. Solange doch etwas erreicht wird.

    Womit ich mich keineswegs von gezielteren und bescheideneren Wegen wie einer Petition ausspreche. Das Eine schließt das Andere ja nicht aus und die Missstände sind heute wahrhaft zahlreich, weshalb man mit mehreren Mitteln gegen sie ankämpfen sollte.

    Es sollte kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch sein. Eine nicht-pluralistische Bewegung von Weltbverbessern wird nie alle Bevölkerungsschickten erreichen oder gar mobilisieren können. Der Mann von der Kneipe wird vermutlich nie durch die abstrakte Argumentationslinie einer Online-Petition durchsteigen, sich etwas über den Kopf schütten und 50€ spenden vielleicht aber schon.

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