Ein Bus für mehr Demokratie

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Wählen gehen – für viele ein wichtiges Medium politischer Mitbestimmung. Einer Gruppe junger Erwachsener ist das aber zu wenig. Über ihr Netzwerk mit dem Namen “Wo Lang?” fordern sie mehr direkte Demokratie und bundesweite Volksabstimmungen. In einem alten Doppeldeckerbus waren sie in den Wochen vor der Bundestagswahl unterwegs durch Deutschland, um auf ihreThemen aufmerksam zu machen. Im Mittelpunkt: Begegnung.

Chemnitz, Neumarkt. Eine überdimensionale, rosa Torte steht auf dem großen Platz mitten in der Innenstadt. Langsam aber zielstrebig geht Kilian Wiest an ihr vorbei auf einen Passanten zu. In seiner Hand ein Teller voller Kuchenstücke. „Möchten Sie Ihr Stück vom Kuchen haben oder überlassen Sie es lieber Ihrem Bundestagsabgeordneten?“, fragt er den weißhaarigen Mann. Der schaut zwar leicht irritiert, die Frage, die dahinter steckt, versteht er aber. Ob es mehr direkte politische Partizipation brauche? „Nö“, sagt der Mann knapp und schüttelt den Kopf. „Die Merkel macht das schon ganz gut.“ Kilian schmunzelt. In diesen Tagen wird er mit Meinungen aus allen politischen Lagern konfrontiert.

Sucht das Gespräch: Kilian Wiest (Foto: Manoel Eisenbacher)

“Wählen oder nicht wählen reicht nicht”

Gemeinsam mit zehn anderen jungen Menschen ist er vier Wochen vor der Bundestagswahl aufgebrochen zu einer Tour mit seinem Wo Lang?-Bus. Von Bonn bis Berlin, unzählige Stationen, einmal quer durch Deutschland. Das Ziel: die Werbetrommel rühren für mehr direkte Mitbestimmung. „Es reicht uns nicht, alle vier Jahre ein Kreuz zu machen und dann nicht mehr mitreden zu dürfen“, sagt Kilian bestimmt. „Deshalb setzen wir uns für bundesweite Volksabstimmungen ein.“ Es sind Aktionen wie die in Chemnitz, mit der die jungen Erwachsenen für das Thema sensibilisieren wollen.

„Die meisten Leute haben gar keine Ahnung, wie direkte Mitbestimmung aussehen kann“, moniert Kilian und fügt hinzu: „Die meisten Politiker übrigens auch nicht.“ Für viele seien Volksabstimmungen gleichbedeutend mit einem Referendum wie dem Brexit. Dabei geht es Kilian um viel mehr. „Themen selbst auf die Tagesordnung bringen und miteinander diskutieren – und zwar nicht nur in der Theorie, sondern als Souverän in verantwortungsvoller Position.“ Das Abstimmen ist für Kilian nur der letzte Schritt. „Die Bildungsarbeit, die damit einher geht, ist fast genauso wichtig wie die Abstimmungen selbst.“

Aktionskunst in der S-Bahn: Zeichen des stillen Protests (Foto: Manoel Eisenbacher)

Die Komfortzone verlassen – den Dialog suchen

Dass Kunst ein Weg sein kann, um Menschen für das Thema zu sensibilisieren, zeigt sich auch zwei Tage später in Halle. Mit seinen Mitstreiter*innen hat sich Kilian unter die Fahrgäste in der Straßenbahn gemischt. Ihre Münder haben sie mit Klebeband zugeklebt. Eine Metapher für die mangelnde Mitbestimmung? „Zum Beispiel.“, sagt Kilian. „Für mich bedeutet es aber auch, dass ich nicht schreien will, um gehört zu werden.“

Sich gegenseitig anschreien, Fronten verhärten – das ist es, was das Team vom Wo Lang?-Bus an der aktuellen politischen Kultur stört. Aus diesem Grund suchen die Aktivist*innen bewusst die Debatte mit Andersdenkenden. „Wenn ich die ganze Zeit mit Menschen sprechen würde, die eh meiner Meinung sind, würde ich mir total sinnlos vorkommen”, betont Kilian. Dass er dabei auch angefeindet und mit offen rassistischen Aussagen konfrontiert wird, stört ihn nicht. „Ich will herausfinden: Was steckt hinter dem, was diese Person sagt? Wenn das gelingt, dann bin ich da, wo ich hin will.“ Auch wenn diese Auseinandersetzung oft mühsam ist, für Kilian ist sie der einzig richtige Weg – hin zu einem neuen Demokratieverständnis.

 

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Titelfoto: Manoel Eisenbacher

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