Die Textilindustrie umkrempeln: Sozialer Gewinn schlägt wirtschaftlichen Gewinn

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Jeanine Glöyer hat ein weltwärts Jahr in Indien verbracht. Heute leitet sie Jyoti Fair Works, ein Soziales Unternehmen [englisch: Social Business], das Kleidung, die in Indien unter fairen Bedingungen produziert wird, in Deutschland verkauft wird. Wie kam es dazu? Und was sind eigentlich ‘faire Bedingungen’?

Als Jeanine Glöyer 2009 aus Indien zurückkommt, ist ihr Koffer voller Erinnerungen. Einige dieser Erinnerungen sind Stoffe aus Chittapur in der Provinz Karnataka. Dort hatte Jeanine ein Jahr bei Jyoti Seva Kendra, einer von indischen Frauen geleiteten Organisation, gearbeitet. Als sie die Stoffe in Deutschland trägt, erntet sie Komplimente von allen Seiten. “Wunderschöne Stoffe” – “Woher hast du das?”. Die erstmal enttäuschende Antwort: “Aus Indien” wird schon nach kurzer Zeit zu einer Hoffnung. “Die Stoffe finden in Deutschland großen Anklang, viele Frauen in Chittapur sind arbeitslos und brauchen ein festes Einkommen. Der Zusammenhang liegt auf der Hand”, denkt sich Jeanine.

Kritik an der herkömmlichen Kleidungsindustrie

Im Verlauf ihres Studiums in Dresden und London kommt Jeanine immer wieder mit den, wie sie es nennt, “ausbeuterischen Produktionsketten” der Kleidungsindustrie in Kontakt und schließt daraus: “So kann das nicht weitergehen” .

Diese Ausgangssituation – Ausbeutung bei der Produktion von Kleidung – ist das, was in der Theorie über soziales Unternehmertum [engl. social entrepreneurship] als “gesellschaftliches Problem” bezeichnet wird, das es für die Unternehmer zu lösen gilt. “Unternehmen anstatt zu unterlassen”, so formuliert Laura Haverkamp von Ashoka Deutschland die Devise. “Es braucht Pioniergeist, Menschen die sich die Welt besser vorstellen als sie ist – außerhalb des bestehenden Systems.” Social Entrepreneurs seien genau solche Menschen.

Jeanine fragt in Chittapur nach, ob Frauen Interesse haben, für ihre Freunde in Deutschland zu nähen. Ein paar Wochen später bekommt sie die Nachricht: Wir haben jetzt Näherinnen eingestellt, was sollen wir machen? Jeanine startet 2010 Kleidung von Indien nach Deutschland zu importieren. Im November 2014 gründet sie dann mit Freunden die gemeinnützige Unternehmensgesellschaft Jyoti Fair Works. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie bei der kompletten Produktion soziale und ökologische Prinzipien einhalten will. Leichter gesagt als getan.

Was ist fair?

Sie reist mehrmals nach Indien und sucht den Kontakt mit den Menschen, die an der Produktion von Kleidung beteiligt sind. Die Näherinnen machen eine Ausbildung bei Jyoti. Und vermitteln ihr den Kontakt zu Webern und Färbern. Sogar eine Baumwollplantage besichtigt sie. Die Kommunikation zwischen den Kulturen ist nicht immer einfach. “Am schwierigsten war es, die Löhne festzulegen”, erinnert sich Jeanine. Denn wer die Gehälter fair gestalten will, muss so einiges beachten. Wie viel brauchen sie zum Leben? Was ist genug? Und was ist mit dem Schulgeld der Kinder?

Die Lösung bei Jyoti: “Wir stehen mit den Schneiderinnen im ständigen Austausch”. Sie bekommen genug Geld, um ihren Kindern eine Ausbildung zu finanzieren und auch um Geld für zukünftige Investitionen zu sparen, nachmittags können die Frauen umsonst Englischkurse besuchen und eine Krankenversicherung gibt es auch. Die Weber und Färber werden ohne großes Verhandeln bezahlt, “der Preis den sie uns nennen reicht ihnen hoffentlich zum Leben”.

Social Entrepreneurship für eine bessere Welt?

“Weil institutionelle Veränderungen oft sehr lange dauern, schaffen sich junge Uniabsolvent*innen eigenen Karrierewege”, erzählt Laura Haverkamp. Technologie spielt dabei oft eine große Rolle. Es werden neue Wege gefunden, mit Problemen umzugehen. Um zu gucken, wie erfolgreich ein soziales Unternehmen ist, wird nicht einfach nur der Gewinn errechnet. “Wir müssen es schaffen, Output statt Outcome zu messen”, findet Laura Haverkamp. Es gehe darum zu hinterfragen, ob man sich nur beschäftigt, oder tatsächlich etwas bewegt. Bei Jyoti würde zum Beispiel nicht nur nach dem Umsatz geschaut werden, sondern auch die Arbeitsbedingungen, Lebensstandard der Produzierenden und ökologische Auswirkungen mit in die Bilanz einbezogen.

Die Grundidee bleibt: Wachstum, aber unter besonderen Bedingungen. So konsequent wie Jyoti Fair Works sind beim Einhalten dieser Prinzipien wohl wenige. “Der Fokus liegt bei den Menschen, nicht beim Gewinn”, sagt Jeanine. Trotzdem ist der Gewinn wichtig um das Unternehmen am Laufen zu halten, denn “aller Gewinn wird reinvestiert. Und wir brauchen auch Rücklagen falls in der Werkstatt mal was kaputt geht.”

Was ist Ashoka?

Ashoka ist eine weltweit agierende Organisation, die 1980 in Washington gegründet wurde. Seitdem fördert sie Innovationen und Soziales Unternehmertum finanziell, aber auch durch ein Netzwerk von Berater*innen.

Gewinn gibt es im Moment nur, weil das Team in Deutschland bis jetzt ehrenamtlich für Jyoti arbeitet. Sie kümmern sich um die Verwaltung, fahren auf Messen, regeln den Onlineshop und den Verkauf in Läden in Dresden und Berlin, weil sie daran glauben, dass sie etwas verändern können. Und doch will Jeanine nicht für immer noch halbtags jobben um ihre Miete zu zahlen: “Wir hoffen, dass wir uns auch irgendwann einen fairen Lohn bezahlen können”. Sie ist sich sicher, dass das nicht mehr lange dauern wird.

Mehr zum Thema:

Dieser Artikel erschien im August 2015 in der Print-Ausgabe von mitten.drin.


Foto: Jyoti Fair Works


 

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