Wo ist Freiwilligendienst sinnvoll? Eine Homepage klärt auf

Wo ist Freiwilligendienst sinnvoll? Eine Homepage klärt auf

Freiwilligendienste sollen Spaß machen, Erfahrungen schaffen und möglichst allen Beteiligten Nutzen bringen. Doch vor allem kommerzialisierte Kurzfreiwilligendienste bergen Gefahren für Freiwillige und Menschen vor Ort. Mit der Seite responsible-volunteering.com bieten Sebastian Drobner und Daniel Großbröhmer einen virtuellen Leitfaden, der auf der Suche nach einem verantwortungsbewussten Freiwilligendienst hilft. mitten.drin sprach mit Daniel über die Ziele der Seite und Strategien, mit denen er diese Ziele erreichen will.

mitten.drin: Welche Gefahren birgt ein kommerzieller Freiwilligendienst im Ausland?

Daniel: Einer der wichtigsten Punkte bei verantwortungsbewussten Freiwilligeneinsätzen ist der Schutz von besonders bedürftigen Zielgruppen wie Kindern und Menschen mit Behinderungen. In Deutschland darf beispielsweise niemand mit Kindern arbeiten, der kein polizeiliches Führungszeugnis vorlegt. In Freiwilligenprojekten im Ausland ist das in der Regel nicht der Fall, wodurch die Gefahr von Missbrauch steigt. Auch für lokale Organisationen ist die Zusammenarbeit mit internationalen Vermittlungsagenturen oft ein Risiko: Sie machen sich vertraglich abhängig und verlieren ihren eigentlichen Fokus aus den Augen, z.B. wenn die Arbeit mit den Volunteers viel mehr Raum einnimmt als ursprünglich geplant. Viele Verträge sind so gestaltet, dass die lokalen Organisationen keinen Einfluss auf die Anzahl oder Einsatzzeiträume der Volunteers haben. Aber es geht auch um den Schutz der Teilnehmenden. In der Regel wird mit Hilfe von Emotionen ein Erlebnis verkauft, das nicht realistisch ist. Niemand wird durch einen zweiwöchigen Aufenthalt die Biographie eines Straßenkindes so verändern, dass es in die Gesellschaft zurückfindet, einen guten Schulabschluss macht und ein glückliches Leben führt.

mitten.drin: Für wen gibt es eure Seite?

Daniel: www.responsible-volunteering.com richtet sich an alle, die sich mit dem Thema “verantwortungsvolle Freiwilligenarbeit” beschäftigen möchten. Zuerst sind das interessierte Menschen, die einen Freiwilligendienst im Ausland machen möchten. Das muss kein Kurzzeitdienst sein, aber die werden in der Regel viel nachgefragt. Wir geben die Gelegenheit, sich unabhängig zu informieren und sich über die Tücken und Herausforderungen von Freiwilligenarbeit schlau zu machen. Dabei zeigen wir worauf man achten muss, wenn man einen Anbieter auswählt und warnen vor Gefahren und Risiken von Freiwilligeneinsätzen. Auch wenn man mit viel Motivation an einem solchen Programm teilnimmt, kann es passieren, dass man selbst am Ende die Dinge vor Ort schlechter gemacht hat, z.B. indem man bestehende Abhängigkeiten verstärkt hat.

Wir sind außerdem im Dialog mit verschiedenen Menschenrechtsorganisationen und Initiativen, die sich um fairen und verantwortungsbewussten Tourismus bemühen. Durch die Erfahrungen, die Sebastian und ich mitbringen, haben wir Einblick in verschiedene Arten von Freiwilligenarbeit. Wir sammeln zum Beispiel Abschluss- und Seminararbeiten, die sich mit dem Phänomen ‘Freiwilligentourismus’ beschäftigen und unterstützen Studierende, die hierzu recherchieren.

Unsere dritte Zielgruppe sind Organisationen und Agenturen, die Freiwilligendienste anbieten. Viele arbeiten mit dem Selbstverständnis, durch die Vermittlung von Freiwilligen einen positiven Wandel vor Ort zu unterstützen. Sie sind der Meinung, mit der Vermittlung von Freiwilligen zu einer nachhaltigen Verbesserung von Lebensumständen beizutragen. Um das zu bewirken, braucht man Fachwissen, das man – wenn man z.B. aus dem Tourismusbereich kommt – nicht unbedingt hat. Wir beraten also auch Unternehmen, die tatsächlich daran interessiert sind, nachhaltige Freiwilligenarbeit anzubieten.

mitten.drin: Wen stört es, wenn Freiwillige zu viel Geld für einen zu kurzen Freiwilligendienst ausgeben?

Daniel: Eigentlich niemanden. Wir sind ja auch nicht Stiftung Warentest, die sich das Preis-/ Leistungsverhältnis anschaut. Was uns beim Geld vor allem interessiert, ist die Frage, wer es am Ende bekommt. Denn das sind meist Agenturen und Vermittler, während die lokalen Partner in wirtschaftliche Abhängigkeit getrieben werden und am Ende häufig noch ärmer dastehen als vorher.

mitten.drin: Ihr kommt beide aus Deutschland, schreibt eure Artikel aber auf Englisch. Hat die Seite tatsächlich eine internationale Reichweite?

Voluntourismus ist ganz und gar kein deutsches Phänomen. Im Gegenteil: Durch staatlich geförderte Programme wie weltwärts oder den Internationalen Jugendfreiwilligendienst gibt es hervorragend gestaltete und begleitete Angebote. In Ländern, in denen junge Menschen diese Option nicht haben, wird viel häufiger auf einen bezahlten Kurzzeiteinsatz zurückgegriffen. Insbesondere in den USA, Kanada, dem Vereinigten Königreich oder Australien gibt es besonders viele Anbieter und Interessierte. Teilweise sind diese Einsätze fester Bestandteil in den Curricula von Hochschulen, was dem Markt Aufschwung verschafft. Aus diesen Ländern verzeichnen wir übrigens die höchsten Zugriffszahlen auf unserer Seite.

Es ist uns auch wichtig, diejenigen in unsere Arbeit einzubeziehen, die in den Ländern des Globalen Südens sind und die häufig Schwierigkeiten haben, sich Gehör zu verschaffen. Zum Beispiel haben wir schon viele Zuschriften von Organisationen bekommen, die Freiwillige aufnehmen. Um hier in den Dialog einsteigen zu können, müssen wir natürlich auf Englisch kommunizieren.

mitten.drin: Welche Vorerfahrungen habt ihr, die euch zu Experten im Bereich Voluntourismus machen?

Daniel: Wir haben sehr unterschiedliche Zugänge zu dem Thema. Sebastian und ich haben beide einen einjährigen Freiwilligendienst gemacht. Sebastian hat als Entwicklungshelfer ein Freiwilligenprogramm als einkommensschaffende Maßnahme bei einer lokalen Organisation eingerichtet und auch einige Jahre dort mitgearbeitet. Dadurch hat er Kontakte und Einblicke in die kommerzielle Freiwilligenwelt. Auch seine Ausbildung im Hotel- und Tourismusbereich ist sehr hilfreich. Im Moment studiert Sebastian Internationale soziale Arbeit und beschäftigt sich auch im Rahmen des Studiums viel mit dem Thema Voluntourismus.

Ich hingegen arbeite seit 2012 bei Brot für die Welt als Berater zu Qualität und Wirkung im Freiwilligendienst und bin auch viel mit programmübergreifenden Themen beschäftigt. Ich berate zum Beispiel die aktuelle DEval Evaluierung, die prüft was zurückgekehrte Freiwillige hier bewirken, und begleite die Einführung der neuen Förderleitlinie zu weltwärts-Begegnungen. Davor habe ich BWL studiert und mich viel mit Sozialem Unternehmertum beschäftigt. Das hilft mir, die Marktentwicklungen einzuschätzen. Das Projekt responsible-volunteering.com gibt uns aber auch einen Rahmen, noch tiefer in die Materie einzutauchen.

mitten.drin: Ihr betreibt die Webseite seit September 2016. Wie kamt ihr auf die Idee, eine Seite zu Freiwilligendiensten aufzubauen?

Daniel: Die Idee, irgendetwas mit dem Thema Voluntourismus zu machen, hatten wir schon lange im Kopf. Nachdem ich dann meinen berufsbegleitenden Master abgeschlossen hatte, haben wir uns an die konkrete Planung gemacht. Als erstes haben wir uns auf unsere gemeinsame Vision verständigt. Im Frühjahr 2016 sind wir dann konkret geworden und haben dem Kind einen Namen gegeben, haben angefangen Kontakte zu knüpfen und unsere Homepage zu basteln. Da wir beide das Projekt nur ehrenamtlich machen, hat sich das natürlich etwas hingezogen. Erst als wir mit allem zufrieden waren, haben wir die Seite am 01.09.2016 online gestellt und die Social Media Kanäle gebündelt. Jetzt sind wir seit gut drei Monaten online und von der Resonanz überwältigt.

mitten.drin: Gewinnen kommerzielle Freiwilligendienste an Raum oder geht es mit der Aufklärung voran?

Daniel: Der Markt wächst und damit natürlich auch das Risiko. Immer mehr Menschen sind bereit, immer mehr Geld für diese Erfahrungen auszugeben, und auch große kommerzielle Anbieter wie STA Travel oder TUI haben Freiwilligenarbeit als Geschäftsfeld entdeckt. Gleichzeitig ist dieser Boom auch eine Chance, da auch immer mehr Menschen auf die Schwierigkeiten aufmerksam werden. Sobald eine kritische Größe des Marktes erreicht und genug öffentliche Aufmerksamkeit da ist, wird es auch mehr nachhaltigere Angebote geben. Auch die Gesetzgeber müssen sich dann mit dem Thema befassen. Erst vor wenigen Wochen ist Voluntourismus  beispielsweise im australischen Parlament diskutiert worden, mit der Absicht Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern zu unterbinden.

mitten.drin: Wie ernst könnt ihr selbst Freiwilligendienste überhaupt noch nehmen?

Daniel: Sehr ernst! Die Erfahrungen im Ausland sind für viele Menschen ein ganz zentraler Punkt in ihrer Biographie und eine tolle Gelegenheit, Engagement zu fördern und zu qualifizieren. Bei uns war es ja genauso. Wir wollen in erste Linie Transparenz herzustellen: Kommerzielle Freiwilligendienste sind ein Geschäft, bei dem häufig Emotionen und Vorstellungen verkauft werden, die nicht der Realität entsprechen. Es gibt aber auch sinnvolle Angebote, die die Lernerfahrung der Teilnehmenden in den Mittelpunkt stellen, die diese Menschen ein Leben lang begleiten wird. Außerdem müssen Freiwilligendienste ja nicht unbedingt international sein. Die Ankunft der Geflüchteten in Deutschland wäre ohne freiwillige Arbeit niemals so gut gelaufen. Freiwilliges Engagement ist und bleibt ein zentraler Pfeiler unserer Gesellschaft.

 

Das Interview führte Isabell Opperbeck.

No Comment

Kommentar verfassen

Back
SHARE

Wo ist Freiwilligendienst sinnvoll? Eine Homepage klärt auf