Was in Hamburg sonst noch so geschah

Was in Hamburg sonst noch so geschah

Anni und Katharina waren Anfang Juli 2017 in Hamburg. Um zu zeigen: Die selbsternannten G20 machen keine solidarische Politik für alle. Ein Erfahrungsbericht von Anni Fuchs und Katharina Friedrich

Zuerst bemerken wir die Stille, als wir nach einer Woche in Hamburg in Münster wieder aus dem Zug steigen. Zum ersten Mal seit Tagen waren keine Polizeihubschrauber über uns. Da wissen wir: Der G20-Gipfel ist vorbei. Anschließend schalten wir das Radio ein. NDR2 berichtet über die Eskalationen im Schanzenviertel, lobt den Mut der Polizist*innen und sendet O-Töne von Politiker*innen, die Konsequenzen fordern. Man müsse nun endlich einmal ernsthaft über die Schließung von „linksradikalen Zentren“ wie der Roten Flora nachdenken. Der politische Diskurs dreht sich immer enger um Innere Sicherheit. Noch Tage später haben wir beim Blick in die Zeitung das Gefühl, in einer anderen Stadt gewesen zu sein. 

Dienstag, 4.7.17

Als wir am Dienstag in Hamburg ankommen, sind die Straßen wie leergefegt. Fast die gesamte Innenstadt gehört zur blauen Zone, in der Versammlungsverbot herrscht. Während viele Hamburger*innen zu Hause bleiben, halten sich etwa 20.000 Polizist*innen in der Stadt auf. Hundertschaften, Hubschrauber, Wasserwerfer und Polizeiwagen bestimmen das Stadtbild einerseits. Andererseits formiert sich bereits Tage vor Beginn des Gipfels von der Polizei streng begleiteter Protest verschiedenster Art: Tanzdemos unter dem Motto „Lieber tanz ich als G20“ finden neben einem Gegengipfel mit Vorträgen und Workshops, und Kunstperformances wie die Aktion „Legt eure Panzer ab!“ des 1000 Gestalten-Kollektivs statt. Diese Massenperformance macht auf eine Gesellschaft aufmerksam, „die den Glauben an Solidarität verloren hat und in der der Einzelne nur noch für das eigene Vorankommen kämpft“, so erklärt das Kollektiv.

Donnerstag, 6.7.17

Die Strategie der Polizei zeigt sich erst am Donnerstagabend so richtig, als die „Welcome to hell“ – Demonstration ohne Auflagen, wie sonst üblich, genehmigt und anschließend bereits nach einigen hundert Metern wegen vermummter G20-Gegner*innen gestoppt wird. Die Verantwortung für die anschließende Eskalation tragen nach Ansicht verschiedener Medien von NDR bis zur Tageszeitung neues deutschland nicht nur die Demonstrierenden. Unsere Beobachtungen vom Rand der Demonstration bestätigen, dass die Polizei nach vereinzelten Flaschenwürfen mit Gewalt und Wasserwerfern reagiert und somit die Eskalation der Versammlung fördert.

Während die Hölle in St. Pauli tobt, gehen wir zu einem interreligiösen Friedensgebet der Akademie der Weltreligionen und stoßen auf eine weitere Facette der Auseinandersetzung mit dem G20. „Es ist gut, dass G20 stattfindet, denn jetzt setzen sich endlich mal alle an einen Tisch und besprechen wichtige Dinge”, findet eine Teilnehmerin. Von sieben verschiedenen Religionsgemeinschaften spricht sich nur der katholische Priester offen gegen G20 aus. Dass sich die anderen Geistlichen nicht klar gegen den G20 positionieren, sondern sich recht unpolitisch zu den Themen Frieden und Gerechtigkeit äußern, macht uns wütend. Das hier nicht alle die für uns selbstverständliche Verknüpfung von Glaube und Widerstand teilen wird deutlich, als einzelne Teilnehmer*innen „für die Mächtigen beten wollen, die bestimmt viel Angst haben, die richtigen Entscheidungen zu treffen“.

Auf zur nächsten Station! Das Gängeviertel ist eine Ansammlung alter Arbeiterhäuser am Gänsemarkt, in der Innenstadt Hamburgs, die im August 2009 vor Abriss und Gentrifizierung geschützt wurde. Das Gängeviertel e.V. wird von einer Genossenschaft getragen und galt nicht nur für G20, sondern gilt jeden Tag, als Freiraum für alle. Hier hören wir über das Freie Sender Kombinat, ein nicht-kommerzielles Radio, alles über die Vorgänge im Rest der Stadt. Währenddessen gehen wir in einem Innenhof Bewohner*innen des Gängeviertels beim Malen von Bannern und der Black Kitchen beim Kartoffelschälen zur Hand und werden zum Dank mit Kaffee versorgt. Immer wieder hören wir Polizeisirenen, Helikopter drehen ihre Runden.

Vor dem Einschlafen überlegen wir: Halten wir uns an das Versammlungsverbot am Freitag? Oder gehen wir zu den Blockaden unter dem Thema „Colour the red zone“? Da alle anderen Demonstrationen weit vor die Tore Hamburgs verbannt wurden, haben wir keine Wahl: „Whose streets? Our streets!“ Wir wollen den G20 zumindest aus der Ferne stören. 

Freitag, 7.7.17

Am Freitag laufen wir mit unserer Bezugsgruppe im Lila-Finger der Demonstration mit, dem feministischen Hamburg-Finger. Die Kundgebung an den Landungsbrücken, die um 7 Uhr morgens angemeldet sind, ist noch legal. Sobald sich der Finger in Richtung Innenstadt in die blaue Zone bewegen, zählt diese Legalität der Kundgebung nicht mehr und die Aktivist*innen begehen einen Rechtsbruch. Der Finger wird schnell von einer Polizei-Hundertschaft gestoppt, er trennt sich und unsere Hälfte wird zwischen Wohnhäusern eingekesselt. Ein Versuch, die Polizeikette zu durchfließen, wird mit Pfefferspray abgewehrt und der Kessel bleibt eingepfercht. Plan B: Die Versammlung löst sich auf in kleine Grüppchen, die sich an einem anderen Ort in der Innenstadt wiedertreffen. Dort sind wir aber zu wenige für eine eigenständige Aktion. Wir schließen uns einer vorbeigehenden Demo von attac und einigen anderen Übergebliebenen an. Wir sind 30 Leute, ein bunter Haufen jeglichen Alters, und erscheinen der Polizei nicht verfolgungswürdig. So laufen wir durch die Leere der Innenstadt und rufen zu den leeren Fenstern, bis wir am Gängeviertel einkehren.

Am Freitagabend herrscht eine bizarre Stimmung in der Stadt. Die Straßen zur Innenstadt sind anlässlich des Konzerts für die Staatschefs der G20 in der Elbphilharmonie geschlossen. Alle Umherwandelnden scheitern immer wieder an willkürlichen Straßensperren und wir laufen wie im verrückten Labyrinth von Stadtviertel zu Stadtviertel. Der einzige offene Weg führt zurück nach St. Pauli, wo abends eine LGBTIQ-Demo auf der Reeperbahn, dem Übergang von freiem Stadtteil zu blauer Zone, angekündigt ist. Als wir dort ankommen, ist die Demo bereits in die blaue Zone hinein gelaufen und wird von Hundertschaften und Wasserwerfern an der Zonengrenze vor sich her gedrückt. Die Demo bewegt sich rückwärts, die Wasserwerfer vorwärts, bis sie neben dem Arivati-Park im Schanzenviertel zum Stehen kommen. Wir laufen mit vielen hundert Menschen direkt hinter den Wasserwerfern her.

Dort, genau vor der Grenze zur Zone des Versammlungsverbotes, ist eine mehrtägige Kundgebung angemeldet, die eine weitere relativ sichere Insel vor Tränengas und Pfefferspray darstellt. Die deeskalative Moderation der Kundgebung ist beeindruckend. Als aus der Demo die ersten Flaschen geworfen werden, erinnert die Sprecherin der Kundgebung: „Hört auf, Flaschen aus der zehnten Reihe zu werfen, denn eure eigenen Leute haben keine Helme auf!“. Die Kundgebung versucht den Inhalt der Parolen statt auf Polizeihass wieder auf den G20 zu konzentrieren. Statt „Die Gewalt kommt immer von denselben, schwarzer Block mit schwarzen Helmen“ wird nun wieder „Kapitalismus raus aus den Köpfen“ gerufen. 

Auf dem Rückweg begegnen wir weiteren Wasserwerfern und unzähligen Polizist*innen. Wir sehen Grüppchen von großteils schwarz vermummten Menschen kommen, die  Mülleimer anzünden oder wütend gegen ein Auto treten. Zu sehen, dass diese Menschen jetzt dazu stoßen und randalieren, macht uns wütend. Das ist nicht der Protest, den wir wollen! In der darauffolgenden Woche veröffentlichen einige Gewerbetreibende eine Stellungnahme, in der sie von vielen anwesenden Demonstrant*innen berichten, die gegen die Gewalt im Schanzenviertel vorgegangen sind: „Das war kein linker Protest gegen den G20-Gipfel. Hier von linken Aktivist*innen zu sprechen wäre verkürzt und falsch. Wir haben neben all der […] Zerstörung […] viele Situationen gesehen, in denen offenbar gut organisierte, schwarz gekleidete Vermummte teilweise gemeinsam mit Anwohner*innen eingeschritten sind, um andere davon abzuhalten, kleine, inhabergeführte Läden anzugehen.“ Auch wir haben den Eindruck, dass hier vor allem Trittbrettfahrer*innen mitmischen wollten, die eine hohe Gewaltbereitschaft und viel Aggressivität mitbringen.

Samstag, 8.7.17

Die Demonstration am Samstag, bei der etwa 80.000 Menschen gegen die Politik der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer aufbegehren, findet nach den Vorfällen im Schanzenviertel Freitagnacht kaum noch Gehör. Genau deswegen waren wir jedoch dort, denn wir wissen: Wir sind laut und wir sind viele! Und wir wissen auch, dass wir Seite an Seite kämpfen mit Menschen, deren Aktionsformen uns völlig unangemessen erscheinen. Die folgenden Tage werden wir oft nach unseren Erlebnissen gefragt und müssen uns genauso oft für die Bilder der Gewalt in den Medien rechtfertigen. Wir sind enttäuscht von den Leuten aus den eigenen Reihen, die solche Bilder produzieren, aber wir sind stolz auf das starke Bündnis, das den Gipfel für Solidarität organisiert hat. Und auf das starke Gefühl der Gemeinschaft unter den vielen Tausend Aktivist*innen, die mit uns auf der Straße waren.


Titelbild: Rasande Tysakar / flickr

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