Tandems in Frankfurt: Geflüchtete Akademiker*innen helfen deutschen Studierenden

Tandems in Frankfurt: Geflüchtete Akademiker*innen helfen deutschen Studierenden

Was, in Äthiopien gibt es Unis!? Mit solchen Vorurteilen werden Geflüchtete oft konfrontiert, wenn sie in Deutschland um die Anerkennung ihrer akademischen Leistungen kämpfen. Seit Dezember 2013 engagiert sich die Organisation aeWorldwide aus Frankfurt zusammen mit geflüchteten Akademiker*innen in und um Frankfurt. Dabei geht es vor allem um die Integration und Anerkennung der Leistung der Geflüchteten.

Haile, dessen Namen und andere Informationen er aus Rücksicht auf seine Familie in Äthiopien nicht im Internet lesen will, ist Teil der Frankfurter Organisation aeWorldwide. Die von den beiden Studentinnen Melusine Reimers und Merle Becker gegründete Initiative richtet sich gezielt an akademische Geflüchtete. Sie wollen nicht, dass die Menschen als hilfsbedürftige Geflüchtete gesehen werden, sondern dass ihr Potential wahrgenommen wird. Ein Teil der Arbeit ist ein Tandemprogramm zwischen Asylbewerber*innen und Studierenden.

Beim Kolloquium sollen die Tandems "Dampf ablassen" (Foto: In der Bibliothek (Foto: Annette Etges)
Beim Kolloquium sollen die Tandems „Dampf ablassen“
(Foto: Annette Etges)

„The refugees have nobody to talk to“

Die Idee, die hinter dem Tandemprogramm steht, ist einfach. Auf der einen Seite ist da die studentische Partnerin Johanna und auf der anderen Seite der akademische Asylsuchende Haile. Die beiden gehen gemeinsam zum Sport, geben sich gegenseitige Nachhilfe oder trinken gemeinsam Kaffee. Die Entscheidung darüber, wie sie ihre Treffen gestalten, liegt ganz bei ihnen. Haile sieht in dem Tandemprogramm die Chance, die Isolation zu brechen. „The refugees have nobody to talk to“, sagt er. Dadurch, dass viele Geflüchtete nicht die Möglichkeit hätten, Kontakt zu Deutschen aufzunehmen, ergebe sich laut Haile eine Art Dampfkessel – denn im Alltag sind in der Unterkunft Themen wie Asylantrag oder Flucht permanent präsent. Diesen „Dampf“ kann er bei aeWorldwide ablassen.

Der Schritt hin zu einem Tandem „auf Augenhöhe“ ist wichtig. Ein bloßes Postulieren von Gleichheit und Augenhöhe entspricht jedoch nicht der postkolonialen Philosophie von aeWorldwide – denn das würde nur bestehende Hierarchien und eigene Privilegien unsichtbar machen. Vielmehr will aeWorldwide eine Gegenhierarchie aufbauen, in dem die Geflüchteten als akademische Ansprechpartner wahrgenommen werden. Der promovierte Haile und die sich noch im Bachelorstudium befindende Johanna sind hierfür ein Idealbeispiel.

Geflüchtete als Referent*innen

Begleitend zu den Treffen findet alle zwei Wochen ein Kolloquium für die Tandems und andere Interessierte statt. So besuchen verschiedene Hochschulgruppen und Initiativen (z.B. Amnesty International) die Veranstaltungen und berichten über ihre Arbeit, oder Einzelpersonen stellen sich als Referent*in zur Verfügung. Auch Haile hat sich schon mehrere Male als Referent beteiligt. Das letzte Mal sprach er darüber, wie Geflüchtete besser integiert werden können und welche Probleme es dabei gibt. Das Seminar sieht er sehr positiv, da es ansonsten wenige Möglichkeiten für Geflüchtete gibt, Informationen zu erhalten, selbst zu sprechen oder in Kontakt mit Deutschen zu treten. Hier im Kolloquium findet er genau diese Chancen.

In Zukunft will aeWorldwide noch stärker als Lobbyorganisation auftreten: “Die Idee, den Geflüchteten einen Gasthörerstatus zu ermöglichen, war im Prinzip eine unserer ersten, also einer der Grundpfeiler. Leider stellte sich die Uni da quer und reagiert erst jetzt, als sich zeigt, dass andere Unis das auch umsetzen konnten”, sagt Projekt-Gründerin Merle Becker. In Kooperation mit der Universität Frankfurt erarbeitet sie ein Konzept, um Geflüchtete als Gasthörer zuzulassen. “Natürlich ist uns bewusst, dass ein Gasthörerstatus auch erstmal nur symbolisch ist“, sagt Merle Becker, „weil sie ja keine Leistungen anrechnen lassen, aber wir glauben, dass das Isolation brechen kann und die Integration fördert.”

Mehr zum Thema:

No Comment

Kommentar verfassen

Back
SHARE

Tandems in Frankfurt: Geflüchtete Akademiker*innen helfen deutschen Studierenden