Moderne Sklaverei: „Wegwerfmenschen“ des 21. Jahrhunderts

Moderne Sklaverei: „Wegwerfmenschen“ des 21. Jahrhunderts

Eigentlich dürfte es keine Sklaven mehr geben, denn das ist per Gesetz in allen Ländern der Erde verboten. Doch die Realität sieht anders aus. Die 3sat-Dokumentation „Unsichtbare Hände. Sklaverei im 21. Jahrhundert“ zeigt, dass das moderne Sklaventum eine Schlüsselrolle in der globalisierten Wirtschaft spielt.

„Es gibt heute ungefähr 38 Millionen Sklaven“, schätzt der Sklavereiforscher Kevin Bales. Sie schuften in kongolesischen Minen, spritzen Pestizide in spanischen Gewächshäusern oder schleppen Ziegel in indischen Fabriken. Kaum ein Wirtschaftszweig kommt ohne Sklaverei aus; in kaum einem Land leben keine Sklaven und Sklavinnen.

Wegwerfmenschen_Konsumgesellschaft
Der Besuch im Kaufhaus hat auf den ersten Blick
nichts mit Sklaverei zu tun, doch der Schein trügt.
(Fotos: 3sat)

Und doch scheinen sie unsichtbar zu sein; sie verschwinden hinter den Kulissen einer entfesselten Überflussgesellschaft. „Kulissen“ – ein Wort, das in Thomas Hauers und René Kirscheys Dokumentation häufig fällt. Ebenso wie der Begriff „Parallelwelten“. Zu Beginn klingt die Stimme der Sprecherin noch vermeintlich unschuldig aus dem Off: „Auch würden wir nie Produkte kaufen, die von Sklaven hergestellt wurden.“ Ein einziges Wort stellt diese Aussage infrage, öffnet die Tür zu den Parallelwelten, die bis dahin verborgen blieben: „Oder?“

Hinter den Kulissen der Konsumgesellschaft

Der finnische Grafiker Ville Tietäväinen, einer der Interviewpartner*innen der Dokumentarfilmer, hat hinter die Kulissen geblickt. Im spanischen Almería hat er sich angeschaut, wie ein Großteil der Früchte und des Gemüses für europäische Supermärkte produziert werden. Er hat Menschen aus Nordafrika kennengelernt, die sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben für die Überfahrt nach Spanien verschuldeten und den Rest ihrer Tage in Gewächshäusern verbrachten.

Tietäväinen weiß, dass die Sklaverei nur deshalb Bestand hat, weil Plantagenbesitzer*innen, Behörden und Medien vor Ort eng zusammenarbeiten. Mittelbar halten jedoch auch die Verbraucher*innen, die möglichst billige Waren kaufen möchten, das System aufrecht. „Ich habe heute das Gefühl, dass ich mich schon allein beim Betreten eines Supermarkts strafbar mache“, erzählt Tietäväinen. Seine Recherchen verarbeitete er unter dem Titel „Unsichtbare Hände“ zu einer Graphic Novel, deren erschütternde Bilder auch der gleichnamigen 3sat-Dokumentation als Leitmotiv dienen.

dgf
In fast allen Wirtschaftszweigen – überall
auf der Welt – arbeiten moderne Sklaven.

Keine Veränderung in Sicht

Tietäväinens Arbeit ist viel diskutiert worden. Europäische Politiker*innen versprachen, sich des Themas anzunehmen. Sklaverei passe nicht zu den humanistischen Werten Europas. Allein, es änderte sich nichts. Noch immer arbeiten illegale Immigranten auf den Plantagen. Noch immer erhalten sie dort weder medizinische Versorgung noch Zugang zu sauberem Wasser. Viele werden krank, manche sterben in den Gewächshäusern. Sie sind ersetzbar, „Wegwerfmenschen“. Tietäväinens trauriges Fazit lautet: „Die Grenze ist immer gerade so durchlässig, wie man Arbeitskräfte braucht.“

Da wundert es kaum noch, dass Christoph Strässer, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, einigermaßen ratlos vor der Kamera sitzt und von der Rechtslosigkeit einiger Arbeiter*innen in Indonesien berichtet. Wieder einmal hätten die Verantwortlichen nicht mehr versprochen außer: „Wir geben uns Mühe.“ Von Sklaverei in Deutschland redet Strässer erst gar nicht.

Doch gibt es wirklich keinen Ausweg aus der modernen Sklaverei? Kevin Bales sieht die Verantwortung letztlich bei der Industrie, die Profit aus diesem System schlägt: „Ich glaube, dass die Manager von Firmen, in deren Lieferketten Sklaverei existiert, dafür mehr verantwortlich sind als die Konsumenten.“ Ein bequemes Schlusswort für die Zuschauer*innen daheim, vielleicht ein zu bequemes.

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Titelfoto: Screenshot aus der 3sat-Dokumentation „Unsichtbare Hände. Sklaverei im 21. Jahrhundert“


4 Comments

  1. Birte
    Dez 11, 2015 at 14:02 — Antworten

    Das hört sich mega spannend an. Immer wieder erschreckend, wie sehr ich dieses Wissen im Alltag ausblende. Sehr zu empfehlen: http://slaveryfootprint.org/ – funktioniert so wie der ökologische Fußabdruck. Ebenfalls unbequeme Wahrheiten, die da offenbar werden.

  2. Frauks
    Dez 16, 2015 at 00:08 — Antworten

    Was versteht die Autorin denn unter moderner Sklaverei? Und was ist da der Unterschied zu Sklaverei im Kolonialzeitalter? Die Menschen befinden sich nicht in Sklaverei- sondern sie arbeiten. Es sind Lohnarbeitsverhältnisse, die so ausbeuterisch sind, dass sie an Sklaverei grenzen. Trotzdem ist es nicht dasselbe. Hier vermengt sich die Ausbeutung durch Arbeit mit einem Rassismus, der die Ausbeutung auf eklige Art versucht zu rechtfertigen.

    • Dez 16, 2015 at 00:19 — Antworten

      Der im Text erwähnte Sklavereiforscher Kevin Bales sieht zwei grundlegende Unterschiede zwischen moderner und historischer Sklaverei: Zum einen sei die heutige Form der Sklaverei nicht mehr durch das geltende Recht legitimiert. Zum anderen seien Sklaven so billig wie nie zuvor.

      Der damals wie heute entscheidende Aspekt dürfte die Unfreiheit der Menschen sein. Tatsächlich sind ihre Lohnarbeitsverhältnisse so ausbeuterisch, dass sie faktisch als „Besitz“ ihrer Arbeitgeber und folglich als Sklaven gelten können.

  3. […] An die unvorstellbaren Arbeitsbedingungen der Menschen – „Wegwerfmenschen“ – die all die Güter produzieren, die es hier zu kaufen gibt, und an die Kinder, die später, […]

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