“Ich übernehme die Vermittlerrolle”: Regisseur Shaheen Dill Riaz im Interview

“Ich übernehme die Vermittlerrolle”: Regisseur Shaheen Dill Riaz im Interview

Dieser Artikel erschien im August 2015 in der Print-Ausgabe von mitten.drin. Der Regisseur und Filmemacher Shaheen Dill Riaz berichtet über seine Herausforderungen bei der Produktion eines Dokumentarfilms, der weit mehr als nur Freiwilligendienste von jungen Menschen in Bangladesch thematisiert.

Shaheen Dill Riaz ist Dokumentarfilmregisseur und lebt in Berlin. Der gebürtige Bangladeshi begleitete deutsche Freiwillige in ihren Projekten in Bangladesh. Ein Jahr lang filmte er ihre Alltagssituationen und ließ Menschen, die den Freiwilligen begegneten, zu Wort kommen. Wie es dazu kam und sich Riaz dabei fühlte, darüber sprach er mit mitten.drin. Wir trafen ihn im Rahmen der Kinotour seines Films ,,Fernglück“ im März.

mitten.drin: Wie bist Du auf die Idee gekommen, einen Film über Freiwilligenarbeit zu drehen? Wo bist Du das erste Mal mit dem Freiwilligendienst in Kontakt gekommen?

Shaheen: Als ich 20 Jahre alt war, damals lebte ich noch in Bangladesch, kannte ich Europa gar nicht. Ich kam nicht aus dem Land raus, aber ich habe viele junge Ausländer gesehen, die dort waren als Student, und auch als Freiwillige tätig waren. Sie mussten damals das Ganze noch selbst finanzieren, es gab kein weltwärts-Programm. So habe ich die Leute kennengelernt, aber ich wusste nicht, was sie machen. Indirekt habe ich dann erfahren, dass sie im Norden des Landes, in abgelegenen Regionen, in verschiedenen Projekten arbeiten. Die Lebensbedingungen sind sehr, sehr hart gewesen, noch härter als jetzt, und ich habe sehr große Bewunderung für diese jungen Menschen empfunden. Weil ich war ja aus der oberen Mittelschicht, wir waren so verwöhnte Kinder, wir würden niemals freiwillig in so einem entlegenen Ort wohnen. Aber damals habe ich noch nicht verstanden, was Sinn und Zweck dieses Freiwilligendienstes ist. Das kam später. In den letzten vier, fünf Jahren habe ich gesehen, wie NETZ Bangladesch die Freiwilligen entsendet und einsetzt. Mit manchen Freiwilligen bin ich sehr eng befreundet, kenne ihre persönliche Biographie, was sie aus dem Freiwilligenjahr gemacht haben. Im persönlichen Gespräch haben mir viele Freiwillige gesagt, dass die frühe Erfahrung in einem anderen Land sie sehr geprägt hat. Und daher kam die Idee, diese Freiwilligenarbeit noch intensiver zu beobachten, vor allem, wie diese Begegnungen stattfinden. Mein eigenes Leben besteht eigentlich aus der Begegnung mit verschiedenen interessanten Menschen. Das ist etwas, was ich sehr wertschätze an Auslandaufenthalten, in welcher Form auch immer. Deswegen wollte ich das als Mittelpunkt nehmen und in einem Film erzählen.

Die Freiwillige Anna Gäßler auf einem Gemüsemarkt in Dhaka (Foto: Shaheen Dill-Riaz))
Die Freiwillige Anna Gäßler auf einem
Gemüsemarkt in Dhaka (Foto: Shaheen
Dill-Riaz))

Von wem kam die Idee für das Filmprojekt?

Ich habe selber die Idee gehabt, aber dann habe ich Leute angesprochen, von denen ich dachte, dass sie mir helfen könnten, wie zum Beispiel auch NETZ. Dann hab ich das Projekt bei 3sat und ZDF eingereicht. Sie hatten daran Interesse und es kam dann zu der tatsächlichen Dreharbeit.

Wie gut ließ sich die Planung des Konzepts umsetzen? Gab es Schwierigkeiten?

Unser eigentlicher Plan war es, die Freiwilligen an verschiedenen Orten zu begleiten. Von der Vorbereitungszeit und dem Abschied von den Eltern über die Ankunft der Freiwilligen im Land bis hin zu den ersten Tagen im Projekt. Die verschiedenen Etappen, die wir beobachten wollten, hatten wir vorher festgelegt. Nicht bei allen hat es geklappt. Wir mussten uns nach den gegebenen Umständen und Möglichkeiten richten. Es gab die politische Unruhe, die den Aufenthalt der Freiwilligen beeinträchtigt hat. Aber wir haben genau das auch zum Inhalt des Filmes gemacht.

Wie hat Deine kulturelle Nähe zu dem Land eine Rolle gespielt?

Es ist immer ein Vorteil bei meinen Arbeiten. Es gibt natürlich auch europäische Kollegen, die an diesen Themen arbeiten, auch aus der deutschen Medienlandschaft. Aber für mich ist es etwas leichter, allein aus dem praktischen Grund, dass ich die Sprache spreche und die Menschen schnell verstehen, was ich vorhabe. Auf der anderen Seite verstehe ich die europäische Sicht der Dinge ein bisschen, auch wie sich die deutschen Protagonisten fühlen. Dadurch kann ich manchmal die Vermittlerrolle übernehmen. Das ist natürlich ein Vorteil gegenüber den deutschen oder europäischen Kollegen.

Hat die Arbeit an dem Film deine Sicht auf den Freiwilligendienst beeinflusst? Die Legitimation ist eine oft diskutierte Frage, hast Du ein Urteil zum Freiwilligendienst?

Bevor ich gedreht habe, habe ich sehr viel über Freiwilligendienste recherchiert. Ich habe viele Journalistenberichte gelesen und war überrascht, dass alles eher negativ gefärbt war. Es gab verschiedene Vorwürfe: Freiwilligendienst mache überhaupt keinen Sinn; warum wird der Freiwilligendienst aus dem Entwicklungsetat finanziert, obwohl die Freiwilligen keine Entwicklungshelfer sind, sondern nur Abiturienten und nicht viel helfen können. Mein Eindruck ist, dass es eigentlich nicht Sinn und Zweck dieses Programms ist, die Freiwilligen als Entwicklungshelfer dorthin zu schicken. Sondern es ist ein Programm, das jungen Menschen die Möglichkeit bietet, eine Kultur, eine Gesellschaft kennenzulernen, und die Interaktion mit fremden Menschen zu erleben. Und das lässt auf beiden Seiten sehr viele wertvolle Erlebnisse zurück. Auch die Freiwilligen, die das Jahr abgebrochen haben, haben es nie bereut, diese Erfahrung gemacht zu haben. Einige waren sogar bei dieser Kinotour dabei. Ich bin durchaus der Meinung, dass dieser Freiwilligendienst einen Sinn und Zweck hat, und konnte das auch durch diesen Film überprüfen.

Ich wünsche mir, dass auch die andere Seite die Chance bekommt, hierher nach Deutschland zu kommen. Die jungen Bangladeschis, Afrikaner oder Asiaten. Aber das hängt natürlich davon ab, ob die Länder sich das leisten können, und ob die Europäer das unterstützen. Aber vielleicht gibt es bald Ideen und erste Versuche bei den Veranstaltern und Unterstützern.

 

Zwei Fragen an Anna Gäßler (Protagonistin)

mitten.drin: Anna, Du bist eine der Freiwillige, die in dem Film zu sehen ist. Wie war es für Dich, im Alltag gefilmt zu werden? Beeinflusst das Wissen, dass eine Kamera läuft, das eigene Verhalten?

Freiwillige bei einer Feier in Bangladesch
Anna und andere Freiwillige bei einer Feier
in Bangladesch (Foto: Shaeen Dill-Riaz)

Anna: Am Anfang war es für uns alle eine Umstellung, dass immer jemand mit einer Kamera da war. Aber Shaheen hat sich sehr viel Zeit genommen und uns Freiraum gegeben, einfach das zu tun, was wir normal auch machen. Bei meiner Familie sind wir zum Beispiel zu meiner Oma gefahren, haben dort Mittag gegessen und Kaffee getrunken. Dadurch haben wir uns an ihn gewöhnt und ihn einfach machen lassen. Er hat sich auch in Bangladesch immer die Zeit genommen, uns im Alltag zu begleiten, ohne sofort große Szenen für den Film zu erwarten. Und ich finde, das hat er auch sehr gut gemacht. Er hat uns einfach machen lassen.

 

Das Projekt ging eineinhalb Jahre – war das ein guter Zeitraum?

Ich finde es gut, dass er uns den ganzen Zeitraum über begleitet hat. Vor allem rückblickend nochmal zu sehen, was ich vor dem Freiwilligendienst gesagt habe, was ich während des

Freiwilligendienstes gesagt habe. Sehe ich das jetzt immer noch so, oder sehe ich manche Dinge inzwischen anders. Das hat mir sehr geholfen, gerade weil der Film über einen so langen Zeitraum ging. Er hätte auch gerne noch mehr von unserer Nachbereitung mit in den Film reingenommen, aber da ist ihm dann das Geld ausgegangen. Das lief alles über Vorfinanzierung, ZDF hat erst finanziert, nachdem die ersten Szenen zusammen geschnitten waren und er erste Ergebnisse liefern konnte. Das war schon krass. Er arbeitet jetzt auch schon wieder an zwei neuen Filmen, das ist ganz schön verrückt, die Filmarbeit.

Mehr zum Thema


Titelfoto: Shaheen Dill Riaz


 

No Comment

Kommentar verfassen

Back
SHARE

“Ich übernehme die Vermittlerrolle”: Regisseur Shaheen Dill Riaz im Interview