Birte Mensing

Birte Mensing

Birte übt sich stetig darin, an neuen Orten anzukommen. Aufgewachsen in Bayern, Freiwilligendienst in Kamerun (2012/13), Politikstudium in Münster und Enschede. Musik und der Drang, Dinge anzupacken sind ständige Begleiter*innen. Bei mitten.drin leitet sie die Redaktion.

Sei kein Frosch. Sei mitten.drin.
Birte Mensing

Es sind diese Dinge, die man irgendwie vermutet, die aber oft verdrängt und nur selten ausgesprochen werden. Auch im Zusammenhang mit Freiwilligendiensten gibt es sie. Im Film “Blickwechsel – Sichtweisen auf deutsche Freiwillige” werden sie benannt. Vieles, was zur Sprache kommt, stellt Freiwilligendienste infrage. Nicht irgendjemand äußert sich hier, sondern genau die Menschen, die in direktem Kontakt mit Freiwilligen stehen. Die Menschen, in deren Leben deutsche Abiturient*innen auftauchen, Unruhe stiften und wieder verschwinden.

Foto: blickwechsel

Blick in ein Fotoalbum

Der Film von Christian Weinert und Ferdinand Carrière kommt völlig ohne Moderation aus. Die Stimmen der Interviewten reichen aus, um die Botschaft rüberzubringen. Mit thematisch leicht unterschiedlichen Schwerpunkten lernt man im Laufe des Films Menschen aus drei Ländern kennen.

Sehr direkt und frei heraus berichten Kinder, Frauen und Männer aus Südafrika, Ghana und Gambia von ihren sehr persönlichen Erfahrungen mit deutschen Freiwilligen. Und obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – die Meinungen und Geschichten sehr persönlich sind, könnte man sie wohl, wenn man die Namen von Orten und Personen austauscht, in den meisten der Länder finden, in denen deutsche Freiwillige ihr Jahr verbringen.

“Ihr Jahr verbringen” – das ist im Film für viele Porträtierte ein passender Ausdruck für das, was die Freiwilligen machen. „Für manche sind das Ferien, um in Afrika ein bisschen rumzugucken“ empfindet Christiana Donkor. Sie ist Mentorin und Gastmutter von Freiwilligen in Ghana und hält das Programm für eine Fehlkonstruktion. „Das Programm ist sinnlos“ sagt sie, „wenn sie etwas machen müssen, dann haben sie keine Lust oder können die Sprache nicht. Auch wenn sie wollen, können sie nicht helfen.“ Das sei besonders der Fall bei Abiturent*innen, die so gut wie keine Fachkenntnisse mitbringen.

 

Foto: blickwechselIn dem knapp 90-minütigen Film kommen auch Kinder aus den Projekten zu Wort. Sie thematisieren vor allem die Hoffnung, die Freiwillige auslösen. Sie würden leichtfertig finanzielle Unterstützung oder Anrufe versprechen und seien sich der Tragweite der Versprechen nicht bewusst.

Was im Laufe des Films klar wird: Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem, was von beiden Seiten erwartet wird, und dem, was möglich ist. Bambucarr Eru, ein Gastvater aus Gambia, fasst zusammen: „Es gibt Dinge, die sie ändern können und Dinge, die sie nicht ändern können. Es dauert eine Weile, um das zu verstehen. Sie können nicht beeinflussen, dass sie immer angesprochen werden. Sie sollten nicht zu viel Energie da rein investieren. Sie sollten sich mehr mit dem beschäftigen, was sie ändern können: bei Bildung zu helfen und sich selbst weiterzuentwickeln.“

In einem sind sich fast alle einig: dass Freiwilligendienste trotz allem einen Nutzen haben. Allerdings in erster Linie für die Freiwilligen, deren Horizont und Erfahrungsschatz sich erweitern. Sie erweitern ihre “single story”, den persönlichen, meist eurozentrischen Blick, den sie vorher auf die Welt hatten. Daraus können sie Potenzial schöpfen, in ihren eigenen Herkunftsländern Entscheidungsträger*innen zu beeinflussen – zu Gunsten der Gastländer.

Der Film stößt einen erstmal vor den Kopf. „Was hat mein Freiwilligendienst bei anderen ausgelöst?“, fragt man sich einmal mehr. Und doch ist der Film nicht völlig desillusionierend. Ein gekonnter Spagat.

 

Filmvorführungen: 06.11 in Berlin, 13.11 in Leipzig, 12.11. in Jena (letztere wurde noch nicht verbindlich bestätigt), aktuelle Daten auf der Facebook-Seite des Films

 

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4 Antworten zu diesem Beitrag
  1. Gibt es sonstige Möglichkeiten, diesen Film zu sehen, auch wenn man nicht in einer der Städte wohnt, in denen er vorgeführt wird…?

  2. Die Dokumentation „Blickwechsel- Sichtweisen auf deutsche Freiwillige“ läuft wieder in einigen Kinos. Mehr Info’s http://www.facebook.com/blickwechsel.film

    18.05.15, 19:30 Uhr Berlin Wo: Regenbogenfabrik, Lausitzer Str. 22, 10999 Berlin
    19.05.15, 20:00 Uhr Münster Wo: Paul-Gerhardt-Haus Münster, Friedrichstr. 10, 48145 Münster
    20.05.15, 19:00 Uhr Schneverdingen Wo: LichtSpiel e. V. Schneverdingen, Oststr. 31, 29640 Schneverdingen
    28.05.15, 18:30 Uhr Lüneburg Wo: Leuphana Universität Lüneburg, PlanB (Gebäude 9 auf dem Hauptcampus)
    12.06.15 14:00Uhr Frankfurt Wo: Haus am Dom (Fernsehworkshop Entwicklungspolitik; Anmeldung erforderlich)
    20.06.15 15:00Uhr Hamburg Wo: Abaton Kino
    22.06.15 19:30Uhr Stuttgart Wo: Delphi Arthaus Kino
    23.06.15, 18:00 Uhr München Wo: Heppel Ettlich Theater
    24.06.15, 20:00Uhr Freiburg Wo: Kulturzentrum Artik
    26.06.2015 Erlangen Wo: E-Werk

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