Enge im Lager: „Freiraum ist wichtig“

Enge im Lager: „Freiraum ist wichtig“

Maj Kraus

Maj Kraus

Maj zog es 2010/2011 nach Malawi, wo sie unter anderem in einer weiterführenden Schule arbeitete. In Göttingen studiert sie Ressourcenanalyse und -management und engagiert sich in lokalen Wohnprojekten für buntes und nachhaltiges Leben. Bei mitten.drin fühlt sie sich vor allem für das Gestalten der Print-Ausgabe berufen.

Sei mutig. Sei mitten.drin.
Maj Kraus

Seit einem Jahr ist das Beratungs- und Aktionszentrum Friedland e.V. (baz.) geschlossen. Damit ist ein wichtiger Begegnungs-, Freizeit- und Rückzugsort weggebrochen, besonders für die Bewohner*innen der Asylunterkunft Friedland. Im Sommer öffnet das Zentrum an einem neuen Standort wieder seine Türen.

„Es gab einfach keinen Platz, an dem sich die Bewohner*innen des Lagers hätten aufhalten können“, erzählt Esra* und dreht die Kuchengabel in der Hand. „Als ich 2015 hier angefangen habe, war das Durchgangslager Friedland mit bis zu 4000 Leuten belegt. Ausgelegt ist es eigentlich für 700.“ Wie problematisch das für die Menschen gewesen sei, habe sie in jenem Sommer selbst miterlebt. Die Räume waren überbelegt, teilweise schliefen Leute auf den Fluren. Wer etwas zu Essen haben wollte, musste rechtzeitig da sein, um sich in die Ausgabeschlange einreihen zu können – oft zwei Stunden lang. Im Lager herrschte nervenaufreibende Enge ohne Raum für Rückzugsmöglichkeiten, ein Nährboden für Spannungen und Konflikte.

Trügerische Idylle

Das Lager befindet sich im kleinen, verschlafenen Ort Friedland, eine Bahnhaltestelle von Göttingen entfernt. Seit 2011 wird es als Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende genutzt. Hier leben Geflüchtete einige Wochen bis Monate lang, bis sie in andere Teile Niedersachsens verteilt werden. Das Dorf mag idyllisch sein, mit seinen Fachwerkhäusern, Feldern und Flüsschen, doch für Geflüchtete bietet es abseits der Unterbringung wenig. 260 Menschen mit „guten Bleibeperspektiven“ leben heute im Lager. Das Freizeitangebot ist auch heute überschaubar. Für kleinere Kinder fehlt es sogar ganz. Das baz. versucht, diese Lücke zu füllen. 2014 eröffnete der gleichnamige Verein das erste Beratungs- und Aktionszentrum in Friedland. Möglich gemacht hatten das damals schon Spenden und helfende Hände bei der Renovierung. Doch kurz nach dem einjährigen Jubiläum kam der Schock: Mietkündigung. Die Anwohner*innen hätten sich beschwert, es sei zu laut, hieß es im Brief des Vermieters. Damit ging die Suche nach einer neuen Bleibe los.

Gäste bei der Baubegehung im Aufenthaltsraum.

Heute, beim Begehungstermin der Baustelle, ist den Räumlichkeiten trotz der vielen kleinen unfertigen Ecken kaum noch anzumerken, dass hier noch vor gut einem Jahr Tiefkühltruhen und Regale eines kleinen Supermarktes ihren Platz hatten. Die Stimmung ist gut, Grüppchen von Menschen stehen mit Kuchen und Kaffee zusammen und unterhalten sich. Einige Flyer liegen aus, über den Computertischen hängen Bilder die beim letzten Aktionstag im Sommer entstanden sind. „Man sieht das vielleicht noch nicht so, aber dort hinten entsteht eine Spielecke für Kinder.“ Esra deutet auf eine Holztrennwand, vor der sich Kisten stapeln. Sie ist halb mit Tafellack gestrichen, “baz.” steht bereits darauf und jemand hat den Schriftzug mit einer großen Blume verziert.

Langwierige Umbauarbeiten

Ein Jahr haben der Umzug und die Sanierung des neuen Zentrums gedauert. Spätestens im Sommer soll das baz. am neuen Standort, nahe des Bahnhofs, wieder öffnen. Zwei Computertische sind schon aufgebaut, hier wird es wieder ein Internetcafé geben. In der kleinen Küche gibt es eine Kaffeemaschine und Herdplatten. Hier wird Tee gekocht und gemeinsam gebacken. Bereits jetzt ist die Küche voller Menschen.

Dass sich die Baustelle von rund 100 m² zeitlich so lang zieht, liegt nicht nur an dem Warten auf Baugenehmigungen. Die ganze Sanierung wird in Freiwilligenarbeit geleistet und zwar maßgeblich von nur zwei Mitgliedern, sporadisch unterstützt von aktiven Mitgliedern und Menschen aus dem weiteren Umfeld des baz., den „baz.-Interessierten“. Das war anders geplant, die Mitglieder hatten auf mehr Unterstützung bei der Sanierung gehofft. So rückte der Eröffnungstermin vom Oktober 2016 auf den Sommer 2017. Jetzt, wo Küche und Hauptraum seit wenigen Wochen endlich nutzbar sind, scheint der zurückkehrende Enthusiasmus fast greifbar.

Wie alle im baz. engagiert sich Esra ehrenamtlich neben ihrem Job. „Wir verstehen uns nicht als Hilfsorganisation, sondern wollen einen Freiraum schaffen – nicht nur für die Leute im Lager, sondern auch für die Menschen die hier schon länger wohnen. Außerdem sehen wir uns als kritische Beobachtungsinstanz, an die sich die Geflüchteten auch mithilfe von Dolmetscher*innen wenden können. Wir versuchen die Informationen dann nach außen zu tragen.“ Die Kreativität, mit der der Freiraum von den Menschen unterschiedlichster Herkunft genutzt wird, fasziniert sie: “Den einen Tag sitzen Leute an den Computern, an anderen Tagen bleibt der Computer aus und jemand schnappt sich die Gitarre.” Sie zeichnet mit der Gabel einen ausführenden Schlenker in die Luft: “Das macht es sehr spannend. Manchmal ist es aber auch anstrengend, denn man weiß nie genau, was kommt.”

„Man lernt neue Perspektiven kennen.“ resümiert Esra ihre Arbeit im baz. „Ich hab richtig Lust, hier wieder Energie rein zu stecken“, schließt sie enthusiastisch und steht auf, um ihren Teller in die Küche zu tragen.

 

*Esra heißt eigentlich anders, wollte aber ungern mit ihrem richtigen Namen genannt werden. Sie ist Mitte zwanzig.

** OM10 steht für das Haus “Obere-Masch-Straße 10” in Göttingen. Es wurde 2015 in Solidarität mit Geflüchteten anlässlich der schlechten Lagerbedingungen und des gleichzeitigen Hausleerstands besetzt. Entstanden ist dort ein Zentrum für Geflüchtete und Antirassismusarbeit, das Menschen unterschiedlicher Herkunft in einem antirassistischen Hausprojekt beherbergt.

 

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Fotos: Maj Kraus


 

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