Dorf der Freundschaft: Blick auf Kriegsfolgen in Vietnam

Dorf der Freundschaft: Blick auf Kriegsfolgen in Vietnam

Interview mit Felix Klickermann, Mitinitiator von „Lighter than Organge“, einem Film über die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Spätfolgen des im Vietnamkrieges verwendeten Entlaubungsmittel „Agent Orange“.

Selbst heute, 40 Jahre nach Ende des Vietnamkrieges, erkranken immer noch Menschen durch die Spätfolgen von Agent Orange. Das Entlaubungsmittel Agent Orange, welches mit einem der giftigsten Dioxine verunreinigt war, wurde von den Amerikanern zur Kriegsführung verwendet und vergiftet bis zum heutigen Tag südostasiatische Böden. Während US-Veteranen eine Entschädigung erkämpfen konnten, wird dies den vietnamesischen Veteranen allerdings verwehrt. Felix Klickermann arbeitete 2008/09 in einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit Schäden von Agent Orange, die gleichzeitig Begegnungs- und Erholungsstätte für Kriegsveteranen ist. Mit seiner Mitwirkung ist inzwischen der mehrfach preisgekrönte Dokumentar-Film über „Lighter than Orange“ entstanden, der vietnamesische Betroffene sprechen lässt und eine „im Westen“ ungewohnte Perspektive einnimmt.

mitten.drin: Felix, erzähl doch mal, was ist das für ein Filmprojekt? Was hat das Ganze mit deinem weltwärts-Jahr zu tun?

Felix: Schon während der Schulzeit erwachte mein Interesse für das Thema „Agent Orange“. Durch meine familiären Verbindungen nach Vietnam war ich in meiner Jugend oft dort und meine Großmutter hat mir von ihren Erfahrungen im Krieg erzählt. Später entschied ich mich, für einen Freiwilligendienst nach Vietnam zu gehen. Nach einem Projektwechsel landete ich im „Dorf der Freundschaft“, wo Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, und Veteranen, die an den Folgen von Agent Orange leiden, betreut werden. In den letzten 2-3 Monaten meines Freiwilligendienstes habe ich mich darauf konzentriert, ein Buch zusammenzustellen über das Dorf und seine BewohnerInnen. Ich habe Plätze im Dorf fotografiert und alte Fotos herausgesucht, 10-15 Jahre alt, und sie mit den neuen Fotos verglichen und nebeneinander gestellt, damit man den Wandel im Dorf erkennt. Und dann habe ich 50 Fragen vorbereitet. Es leben circa 100 Menschen im Dorf, immer zwei Personen haben die gleiche Frage beantwortet, unabhängig voneinander. Nach meiner Rückkehr 2009 habe ich weiter Vietnamesisch gelernt und traf auf Matthias Leupold. Der damalige Rektor der btk Hochschule für Gestaltung suchte einen Übersetzer und Assistenten für eine Studienreise nach Vietnam. Er plante für März 2011 ein Fotoprojekt, und so reisten wir gemeinsam mit anderen Studierenden und Dolmetscher*innen nach Vietnam. Dort haben wir dann im Dorf der Freundschaft einen Workshop für die Kinder durchgeführt und eine Ausstellung gemacht. Aus dieser Reise ist ein Buch entstanden, an dem ich mitgearbeitet habe. Ein Kapitel dreht sich speziell um das Dorf der Freundschaft.

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Gedenkort für verstorbene Verwandte
(Foto: Lighter than orange)

Und wie ist dann letztendlich das Filmprojekt „Lighter than Orange“ entstanden?

Nach unserer Rückkehr von unserer Reise 2011 hatten wir die Idee, einen Dokumentarfilm zu drehen. Jedoch wollten nur wenige Stiftungen unser Projekt unterstützen, Zusagen bekamen wir von der Hamburger Stiftung Asienbrücke und der Stiftung Umverteilen. Einen Großteil mussten wir selbst über Spenden und Crowdfunding finanzieren. Mit einem kleinen Team reisten wir im März 2012 erneut nach Vietnam. Wichtig war uns vor allem die Perspektive der Betroffenen selbst. Deshalb wird im Film nur wenig kommentiert, „einfache Soldaten“ kommen zu Wort und keine hohen Generäle. Im Laufe der Postproduktion führten wir den Film in vielen Vorversionen gemeinsam mit Vorträgen vor. So zeigten wir den Film zum Beispiel im European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und im taz.cafe in Berlin. Außerdem zeigte Matthias den Film bei Veteranen zuhause und im Dorf der Freundschaft in Hanoi. Nach weiteren Optimierungen wurde der Film Ende 2014 als finale Version herausgebracht. Seitdem gab es Aufführungen auf vielen Festivals, unter anderem Kuala Lumpur, Helsinki, New York.

Ab 8. Juni 2015 gibt es ein neues Projekt an meiner Uni, Europa-Universität Viadrina, welches von mir angestoßen wurde. Phuong Tran Minh und Matthias Leupold zeigen Fotografien von Kriegsgeschädigten verschiedener Generationen in Vietnam. Im Rahmen dessen gibt es eine Filmvorführung des Films „Lighter than Orange“ sowie eine Völkerrechtsvorlesung von Prof. Dr. Manfred Mohr und mir zu den rechtlichen Hintergründen. Das Tolle am Projekt: Es verbindet Kunst und Recht.

Das ist wirklich toll, was ihr da auf die Beine gestellt habt…!

Im Englischen nennt man so ein soziales Jahr ja „gap year“ – Lückenfüller also. Ich finde, das ist kein angemessener Begriff. Es ist nicht nur ein Lückenfüller zwischen Schule und Studium. Die Erfahrungen aus dem Jahr gehen über das Jahr hinaus, inwiefern es dich oder deine Interessen verändert, was man in Zukunft so macht. Wir sind zwar ohne Qualifikation hingegangen, jedoch sollte man probieren, in die Kultur und das Land einzutauchen und wieder etwas mitzubringen, sodass es eben nicht nur ein Lückenfüller bleibt. Mir ist bewusst, dass ich mich in einer privilegierten Position befand und auch immer noch befinde. Jedoch hängt aber von jedem selbst ab, was letztendlich aus einer solchen Erfahrung, wie einem Freiwilligendienst, wird.

Mehr zum Thema

  • Homepage des Filmes
  • „Lighter than Orange“, Dokumentarfilm, Regie/Kamera: Matthias Leupold/Armin Dierolf, Sprache: Englisch (UT: Englisch, Deutsch, Vietnamesisch, Französisch, Spanisch), 2014

Titelfoto: Lighter than Orange


 

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