Ein Projekt zwischen Scheitern und Aufbruch – Im Interview mit Yunity

Ein Projekt zwischen Scheitern und Aufbruch – Im Interview mit Yunity

Manoel Eisenbacher

Manoel Eisenbacher

Manoel kommt aus Mainfranken und war 2011 für sechs Monate in Costa Rica, wo er mit den Teribe-Indianern für den Erhalt der indigenen Kultur gekämpft hat. Andere Reisen führten in u.a. nach Neuseeland, Indien und Ostafrika. Er bewegt sich beruflich zwischen Spätburgunder und Steadycam und kümmert sich bei mitten.drin um's (Foto-)Grafische.

Sei mutig. Sei mitten.drin.
Manoel Eisenbacher

Vor anderthalb Jahren aus Foodsharing-Kreisen hervorgegangen, sollte Yunity eine Plattform für das Retten und Teilen verschiedenster Güter werden. Ob Lebensmittel, Bücher, Möbel – Yunity wollte ein neues Zeichen gegen die Wegwerfmentalität setzen. Aus der Idee wurde jedoch nie Realität. Heute steht die Bewegung vor großen Veränderungen. Mehr denn je stellt sich die Frage: Wer ist Yunity und wenn ja wie viele? Bei einem Orientierungstreffen im Südharz sollten nun Antworten gefunden werden. Hier, wo im Sommer auch die undjetzt?!-Konferenz ihre Zelte aufschlägt, sprach mitten.drin mit Bodhi Neiser, Yunity-Aktivist der ersten Stunde und Visionär. Ein Gespräch über Ideale, den Umgang mit Diversität und die Relevanz von Geld.

mitten.drin: Für alle, die von Yunity noch nie gehört haben: Was war der ursprüngliche Gedanke dahinter?

Bodhi Neiser: Es gab in Foodsharing-Kreisen schon länger die Überlegung – vor allem von Foodsharing-Gründer Raphael Fellmer – dass es cool wäre, neben Lebensmitteln auch andere Dinge zu retten und zu teilen. Uns ist aufgefallen, dass es einfach in allen Bereichen einen krassen Überfluss gibt. Wir wollten eine Plattform, die das alles zusammenbringt. Die sowohl das Retten als auch das Weiterverteilen nicht nur von Essen, sondern von allen Gütern ermöglicht. Und das am besten international. Die Foodsharing-Seite stößt hier an ihre Grenzen, weil ihr Code nicht Open Source ist und deshalb nur von wenigen Menschen weiterentwickelt werden kann.

Und Yunity sollte diese neue, universelle Plattform sein?

Genau. Vor anderthalb Jahren wurde zu einem Treffen eingeladen in Malo, Italien, wo Personen mit Coding-Skills zusammenkommen sollten, um die ersten Steine für die neue Plattform zu setzen. Obwohl ich selbst nicht programmieren kann, war ich auch dabei. Das Treffen hat uns allen unglaublich viel gegeben, wirklich viel von der Plattform ist allerdings nicht entstanden. (lacht) Dafür ganz viel anderes.

Auf eurer Homepage sprecht ihr immer noch von Yunity als Sharing-Plattform. Allerdings ist dieses Ziel nie erreicht worden. Woran ist die ursprüngliche Idee gescheitert?

Der Grundgedanke – wir bringen jetzt ein paar Programmierer zusammen und erschaffen die ultimative Riesenplattform – der war völlig naiv. (lacht) Die Foodsharing-Webseite wurde fast komplett von einer Person erstellt. Deshalb hat Raphael Fellmer das hochgerechnet und gesagt: Gut, mit zehn Programmierern schaffen wir dann auch die große Webseite. Was wir nicht berücksichtigten, waren die ganzen Prozesse und Entscheidungen, die dahinter standen. Mit der Zeit hat sich der Fokus dann in eine andere Richtung verschoben – hin zu kleineren Tools und weg von diesem riesigen Projekt.

Identitätssuche im Harz – wohin geht die Reise mit Yunity? (Foto: Manoel Eisenbacher)

Auf eurem Treffen geht es jetzt vor allem darum, herauszufinden, was Yunity eigentlich ist. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Im Moment konzentrieren wir uns auf viele kleine Bereiche. Es gibt Leute, die nach wie vor an dem alten Foodsharing-Code arbeiten, um diesen vielleicht doch irgendwann Open Source zur Verfügung zu stellen. Dann gibt es Personen, die gerade an einem Foodsaving-Tool arbeiten, bei dem es primär um die Rettung von Lebensmitteln geht und das deren Abholung in den Betrieben koordinieren soll. Das wird auch bereits getestet. Daneben gibt es auch verschiedene Hausprojekte, eines davon entsteht gerade in Bad Dürrenberg (Saalekreis, Sachsen-Anhalt, Anm. d. Red.).

Das klingt als gäbe es im Moment so viele verschiedene Vorstellungen von Yunity, wie es Mitwirkende gibt. Wie geht ihr mit dieser Diversität um?

(lacht) Ja, durchaus. Wir versuchen gerade, die verschiedenen Vorstellungen und die Werte dahinter zusammenzutragen und daraus neue Ziele zu definieren. Es geht aber auch ganz grundsätzlich darum: Sind wir ein Projekt, eine Bewegung, ein Netzwerk? Das ist gerade völlig unklar. Deshalb hatten viele Mitwirkende den Wunsch, tiefer anzusetzen und herauszufinden: Was sind überhaupt unsere persönlichen Bedürfnisse und Ziele? Und auf welcher Basis können wir zusammenarbeiten? Das haben wir in den letzten Tagen mehr oder weniger erfolgreich gemacht.

Mit welchem Ergebnis?

Wir haben teilweise festgestellt, dass für unsere derzeitigen Ideen ein „Schirm“ wie Yunity gar nicht so wichtig ist. Dass viele von diesen Projekten in anderen Netzwerken sogar besser aufgehoben wären. Zum Beispiel das Hausprojekt in Bad Dürrenberg. Außerdem versuchen andere von uns gerade Häuser in Wurzen (Kreis Leipzig, Sachsen, Anm. d. Red.) zu kaufen, aus denen offene Projekthäuser mit Werkstätten, Umsonstläden, aber auch Gemeinschaftshäuser werden sollen. Auch deshalb sind wir hier zusammengekommen, weil einige gesagt haben: Das passt mit meinen Werten von Yunity nicht zusammen, wenn wir jetzt anfangen, Häuser zu kaufen. Für andere hingegen passt das voll und ganz.

Würdest du sagen, dass es gerade überhaupt einen kleinsten gemeinsamen Nenner gibt?

Hm… nein. (überlegt) Doch, ich glaube wir waren uns einig darin, dass wir viele Projekte auch anders organisieren könnten und Yunity dafür gar nicht unbedingt brauchen. Dass es aber schade wäre, deswegen die Domain zu löschen und gar nichts mehr zu machen – darin sind wir uns auch einig.

Wie trefft ihr in so einer komplexen Situation Entscheidungen, mit denen alle leben können?

Wir haben uns schon lange mit verschiedenen Prozessen zur Entscheidungsfindung beschäftigt. Einer von uns hat sogar ein Buch über dieses Thema geschrieben, das fast fertig ist. Allerdings habe ich das Gefühl, dass diese Entscheidung, was Yunity ist, so fundamental ist, dass sie über einen rationalen Entscheidungsmechanismus hinausgeht. Unser klassisches Entscheidungsschema für Fragen wie: Welches Logo wollen wir benutzen? – das greift hier einfach nicht mehr.

Bodhi Neiser engagiert sich bei Yunity seit Beginn des Projekts. (Foto: Manoel Eisenbacher)

In welchem Bereich siehst du Yunity persönlich?

Mir ist zur Zeit der Hausaspekt am wichtigsten. Ich habe große Lust, bei den Projekten in Wurzen mit einzusteigen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass Yunity dafür gar nicht so wichtig ist. Einzig der zentrale Aspekt des Teilens, den Yunity vertritt, fehlt mir oft bei anderen Initiativen. Das zu kombinieren wäre cool! Ich ganz persönlich sehe Yunity als ein Netzwerk, das Tools zur Verfügung stellt für Leute, die sich für das Thema Teilen interessieren.

Wie löst ihr die finanziellen Fragen? Welche Rolle spielt Geld?

Es gibt für Yunity keine rechtliche Körperschaft wie etwa einen Verein. Deshalb war das „wir“ bisher mehr eine individuelle Frage. Nicht alle bei Yunity leben geldfrei, manche tun das. Wenn eine Person auf einem Teamtreffen das Bedürfnis hat, etwas einzukaufen, z.B. zum Kochen, dann steht es ihr frei, das von ihrem eigenen Geld zu tun. So lief das bisher und damit waren alle recht zufrieden. Ein Ansatz ist definitiv auch, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und dadurch viele Probleme zu umgehen.

Wie sieht es aus mit den Projekthäusern? Die beanspruchen sicher deutlich mehr Geld als eine Sharing-Plattform?

Hier halte ich es für einen guten Ansatz, auch Geld zu teilen. Stichwort: gemeinsame Vermögensökonomie, die auch in vielen Gemeinschaften bereits gelebt wird. Hier wird Privatvermögen teilweise zugunsten von Gemeinschaftsvermögen aufgegeben. Die Alternative wäre, es so zu machen wie bisher: Leute, die Geld einbringen wollen, können das tun. Allerdings ohne Zwang, dass man dort nur wohnen darf, wenn man Geld eingebracht hat.

Klingt als stünde Geld nicht im Mittelpunkt.

Ich glaube, dass man durch den „Yunity-Lifestyle“ generell wenig Geld benötigt. Und falls doch, gibt es Leute, die früher mal gutes Geld verdient haben oder auch jetzt aufgrund ihrer Qualifikation in der Lage wären, das zu tun. Mit einem Monat Arbeit könnte man so den Großteil eines Hauses für ein ganzes Jahr finanzieren. Dann ist es auch völlig okay, wenn eine Person, der ihre Arbeit Spaß macht, es anderen ermöglicht, keiner zwanghaften Lohnarbeit nachgehen zu müssen. Natürlich können wir nicht sagen: Unsere gemeinsame Vermögensökonomie ist offen für alle, kommt alle zu uns! Das wird nicht funktionieren. Aber es geht auch um den Vorbildcharakter für die Gesellschaft.

Freut ihr euch dennoch über neue Interessierte bei Yunity?

Auf jeden Fall. Allerdings ist es im Moment durch die vielen Umstrukturierungen sehr verwirrend und wahrscheinlich für alle überfordernd, wenn zu viele Neue dazukommen. Sobald wir uns auf ein Grundgerüst geeinigt haben und in den Projekten weiterkommen, ist das sicher wünschenswert.

Ergänzung der Redaktion: Mittlerweile arbeitet Foodsharing-Gründer Raphael Fellmer mit einem kleinen Team an einer neuen Foodsaving-Plattform namens Sharecy (www.sharecy.org). Diese beschränkt sich zwar nach wie vor auf das Retten und Teilen von Lebensmitteln, ermöglicht dies aber über den deutschsprachigen Raum hinaus.

Das Interview führte Manoel Eisenbacher.


Titelfoto: Manoel Eisenbacher


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